Das Anschauen von Serien hatte ich mir vor einigen Jahren abgewöhnt. Kleine Sachen, die mich nur ein paar Wochen kosten, unkomplizierte Sachen, die mich nicht lange beschäftigen, die schaue ich mir gelegentlich noch an.
Aber diese Serien, welche sich bandwurmartig durch die Zeit winden, die habe ich mir abgewöhnt. Ich wollte nicht mehr in Depressionen stürzen, weil ich statt im Fernseher zu verfolgen, wie Meredith und ihr Tuppes, wie hieß er denn noch? Moment. Derek. Genau. Also, wenn ich statt Meredith und Derek bei ihren Liebesdramen zu verfolgen, in einem Klassenzimmer sitzen musste, um zu lernen, wie ich meinen Namen tanze. Oder ein hübsches Aquarell anfertige. Oder wie ich am Besten ein Beutelchen für die Eurythmieschlappen nähe.
Diese depressiven Verstimmungen, die sich einstellten, eben weil ich nicht sehen konnte, ob Meredith das Bad im eiskalten Wasser nach dem Fährunglück überleben würde, haben mich eine Menge Kraft gekostet.
Ich saß dann mit im Schnitt zwanzig anderen Leuten in einem Raum auf unbequemen Stühlen und lauschte pädagogischen Grundsatzdiskussionen darüber, ob Schulkinder auf ihrem Pausenbrot Nussnugatcreme haben dürfen. Und ob Handys vor dem fünfundzwanzigsten Geburtstag sinnvoll sind. Auch die Frage, ob Alkohol schon in der siebten Klasse zu tolerieren sei oder nicht und ob es eine Bagatelle ist oder nicht, wurde hingebungsvoll durchgesprochen.
Immer wieder gab es Diskussionen, ob die Fremdsprachenlehrerin pädagogisch geschickt arbeitet, wenn nach ihrem Unterricht die Kinder reihenweise Bauchschmerzen beklagen oder in Tränen ausbrechen. Die Frage, ob Schulkinder von Lehrergebrüll einen Dachschaden entwickeln, konnte nie zur Zufriedenheit aller beantwortet werden.

Und in der Zeit, in welcher ich mich mit diesen Themen in der großen Runde auseinandersetzte, geschahen in meinem Fernsehgerät die wirklich großen Dramen. Es wurde geliebt, getrennt, gestorben, geschwängert und gestritten.
Lauter Dinge, die mich in meinem tiefsten Inneren berührten. Wie konnte Izzy sich nur so blödsinnig benehmen und Alex dermaßen vor die Wand rauschen lassen? Und wie überstehen sie alle die Katastrophen, die sich dort nur so jagen, ohne einen erkennbaren Schaden davonzutragen? Da wird gestorben, was das Zeug hält. Aber drei Folgen später ist die ganze Welt wieder in Ordnung, denn irgendjemand ist von einem anderen schwanger und dann will derjenige diejenige nicht, ein anderer dafür umso mehr. Und weiter geht es.

Weil ich mir solche Serien eben nicht mehr anschaue, kann ich mich bei den Elternabenden viel besser konzentrieren. Ich verfolge die Themen viel aufmerksamer als früher.
Konzentration. IMG_1039

Ich muss mich ja nicht mehr die ganze Zeit fragen, was gerade jetzt im amerikanischen Krankenhausserienfernseher passiert. Das entspannt ungemein.
Wobei, aufgehört mit der Serienschauerei habe ich eigentlich, weil mir plötzlich auffiel, dass ich sehr mit den Serienfigur mitlitt.
Ich konnte sogar in Tränen aufgelöst da sitzen und fassungslos am Schmerz und der Trauer nicht existierender, gespielter Personen teilhaben. Das kam mir dann doch sehr merkwürdig vor, denn im wahren Leben gingen mir die beobachteten echten Dramen selten so zu Herzen. Mir schien etwas nicht ganz in Ordnung zu sein, in mir.
Also beschloss ich, mich sehr auf die Realität zu fokussieren und mein Mitgefühl auf real existierende Lebewesen zu beschränken. Das ist nun schon ein paar Jahre her. Und ich habe einiges gelernt.

Ich lernte, Elternabenden durchaus auch Kreatives und Künstlerisches abzugewinnen.
Kreativ

Trotzdem dachte ich doch am Anfang meiner Fernsehserienprotagonistenmitleideverweigerung, das Leben wäre fad. Es gäbe kaum Drama. Alles war irgendwie flach und der Soundtrack zu einzelnen Situationen unglaublich mies bis nicht vorhanden.
Da dachte sich das Leben, na warte, Schwarte, und holte einmal kräftig aus, um mir zu zeigen, wie voll und ausschlagreich es sein kann und wieviel Drama es zu bieten hat.
Als hätte ich das bis dahin nicht schon längst gewusst!
Ich hatte nur recht gut verdrängt, wie aufwühlend die Realität sein kann.
Das Drama vom kranken Fürsten war ein Höhepunkt in der dramatischen Entwicklung des Lebens. Von da an waren nicht mehr nur Krankenhausdramen unschaubar, auch Dokumentationen mit Menschen in Kitteln wurden unmöglich anzusehen.
Der Gutfrisierte durfte sich mir nicht mehr in Arbeitskleidung zeigen. Tat er grundsätzlich eh nicht, aber wenn, hätte es ein Scheidungsgrund werden können.
Und der Soundtrack war wirklich mies. In dem Supermarkt, in dem ich einen Heulanfall bekam mit Schüttelanfällen und hysterischen Schluchzern, weil ich dachte, dass eine profane Gemüsesuppe keine Existenzberechtigung hat, während mein Kind totsterbenskrank um sein Leben kämpft, wurde von einem Song mit dem grandiosen Text: „Ooo follow, deep sea, baby…ooo, trölala!“ begleitet.
Jesses.
Jeder Drehbuchschreiber hätte sich etwas Besseres einfallen lassen als diesen Schwachsinnssong.
Nach solch einem Drama sollte sich eigentlich einmal ein bisschen Ruhe breit machen, das ist nun einmal das ungeschriebene Gesetzt der dramatischen Darstellung. Eine Ruhepause, Luft holen, Kraft sammeln und vorbereiten auf den nächsten Ausschlag.
Aber darauf pellt das Leben sich ein Ei.
Die Pubertät kennt da nämlich keine Rücksichtnahme und schlägt zu, wie, wann und wo sie will. Die Hormone werfen jedes Drehbuch über den Haufen.
Filme, vorgeplante und selbst ausgedachte Drehbücher von der Familie, die eine schwere Zeit gemeinsam überstand und darum nun unzertrennlich ist und sich immer und hunderprozentig Verlassen kann auf die gegenseitige Liebe, Stärke und den ganzen Krempel, Phantasien von der Rama-Familie beim Frühstück in der wärmenden Sonne, alle mit einem Lächeln auf den Lippen, rotwangig und vor Gesundheit strotzend, laufen vor dem inneren Auge ab. Wunderbar, Glücksgefühle auslösend, entspannend, nur leider genauso wahr wie die Serienhandlungen. Genauso real wie Meredith und Derek.
Oder wie die Lindenstraße.

Also begeben wir uns zurück in die Realität. Nehmen wir die Nackenschläge wie ein Superheld. Batman lässt sich auch nicht gehen, nur weil er Haue bekommt von bösen Jungs.
Und ich werde doch wohl nicht vor so ein paar Hormonen in die Knie gehen.
Nein.
Aber vielleicht schaue ich mir doch die neue Staffel von Grey`s anatomy an. Nur so. Für alle Fälle. Könnte ja möglich sein, dass es hilft. Irgendwie.