Jetzt geht es langsam wieder besser. Nachdem ich zwei Tassen Tee getrunken und zwei Scheiben Toast mit Erdnussbutter und Karamellsirup bestrichen und dann genüsslich verspeist habe, in aller Ruhe und ohne Worte von anderen Menschen zu hören, geht es besser.

Der Morgen war wieder einmal ein Hort der familiären Freuden. Ich frage mich, wann es genug ist, mit der geschwisterlichen Übungseinheit „Kampf bis aufs Blut“?

Es fing alles damit an, dass die Herrschaften sich nach dem Wecken ein kleines bisschen beeilen mussten. Der mütterliche Wecker hat nicht geklingelt. Ich bin mir recht sicher, ihn gestern Abend noch eingeschaltet zu haben, heute Morgen war er jedoch genau das nicht. Ob ich nun heute Nacht einer Schlafwandelung erlag oder ob ein kleiner Strolch sich ins Fäustchen lachte, mit einer viertelstündigen Verspätung kroch ich, vom väterlichen Wecker inspiriert aus dem warmen Bett. Dieses war an Kuscheligkeit nicht zu überbieten. Diese Weichheit und geschmeidige Geborgenheit einzutauschen gegen die muffeligen Hackfressen im Obergeschoss, das machte mir das Herz schon schwer, zumal ich kurz vorher in meinem Traum dabei war, eine sehr wichtige Prüfung mit Bravour zu bestehen.
Ich vermute, dass sich der Elternabend von gestern in meinen Windungen festgesetzt hatte; all die Erklärungen über die Abschlüsse, die Notenverteilung, die Möglichkeiten der Wiederholung haben mich wohl in meine eigene Schulzeit zurückgeworfen und so habe ich bei gebratener Paprika und Insalata Caprese meine mündliche Prüfung im Fach Soziopathie und Psychopathologie abgelegt, bis eben das leise Piepsen eines Weckers kurz vor Prüfungsende das wahre Leben zurückbrachte.

Und dann ging es auch gleich schon wieder los.
Das Gemecker darüber, sich ein winziges bisschen beeilen zu müssen, das Gemecker darüber, dass im Teeglas ein winziges bisschen Schmoder aus der Spülmaschine klebte, das Gemecker darüber, dass das eigenständige Schulbrotschmieren in Anbetracht des späteren Aufstehens eine totale Zumutung sei.
Es folgte meine innere Erregung über den Zustand der Küche, der gestern von vier am Abend im Haus anwesenden Personen in Ordnung hätte gebracht werden können. Hätte. Können. Aber beileibe nicht wurde. Und wie erquicklich es doch ist, am frühen Morgen erst einmal die Reste des Abendessens zu entsorgen und auf die Anmerkung, die Küche sei aber nicht besonders sorgfältig saubergemacht worden, abends zuvor, nur ein Kopfschütteln folgt, mit dem Kommentar: „Ist doch alles prima. Ich dachte, vielleicht will noch jemand etwas davon essen!“.
Aber natürlich. Lappigen Salat, knochentrockene Nudeln und ein Schöppchen Tomatensoße mit drei einsamen und extrem vermanschten Brokkoliröschen, das möchte man gern essen. Zum Frühstück. Vor allem, wenn alles über Nacht in der warmen Küche herumstand. Das ist auch gut für das Magen-Darm-System, da kann man unter Umständen einmal richtig entschlacken.
Zusammengefasst in meinen Worten: Hier war jemand zu faul, die Töpfe zu spülen. Aber das darf man ja nicht sagen. Das fördert den Unmut in der ehelichen Zweisamkeit.

Später gab es dann den immer wieder sehr beliebten Programmpunkt „Ich sitze vorne- Nein!- Ich!“.
Der führte zu „Du bist so scheißeblöd!“ und „Du Baby, schmink`deine Pickel!“.
Es folgte „Macht so weiter, dann wartet die Busfahrt, Freunde.“
Und schon rollte die erste ausgeprägte Erschöpfungswelle heran. Diese bricht sich an den Schultern und ergießt sich in die Augen, welche sich nur noch mit Mühe offen halten lassen.

Und wenn sich um viertel nach Acht schon das Gefühl einstellt, eine Zwölfstundenschicht im Bergbau hinter sich zu haben, liegt die Vermutung nahe, dass der Rest des Tages nicht von Energie und Esprit gezeichnet sein wird.

Außerdem stinkt der Hund.