Um mich zu quälen, mir selbst das Leben schwer zumachen und mir vor Augen zu führen, was ich für eine absolute Oberpfeife bin, ziehe ich mir gern Seiten im Internet rein, auf denen tolle Frauen, berufstätig, mindestens fünfzehn Kinder, dreiundzwanzig Haustiere, eine komplett sanierte Villa mit fünfundzwanzig Zimmern in unterschiedlichen Konzepten designed und verheiratet mit dem allerbesten aller Männer, groß, wohlriechend, immer gut angezogen, perfekte Umgangsformen, immer ein freundliches Wort, Nerven wie Drahtseile und extrem sexy, ihre Lebensmittel und was sie daraus machen vorführen.

Soll ich mal vorführen? Das geht leider nicht, weil ich nicht fotografiert habe. Aber Ihr habt ja Phantasie, darum beschreibe ich Euch den ganzen Speiseplan einfach.
Nudeln. In einem Pott auf dem Tisch, daneben ein Pott mit Tomatensoße. Eine Salatschüssel mit Salat.
Oder einen Pott mit Hackfleisch, Kartoffeln, Paprika, Bohnen, Zwiebeln und Knoblauch drin.
Ein Backblech mit Pizza drauf, Teig aus der XXL-Pizzateigverpackung und Tomatenmark-Ketchupsoße, Zwiebeln, Tomaten und Käse drauf, bei besonderer Kreativität mit Salamischeiben.
Einen Pott Kürbissuppe mit dazugehörigen Würgegeräuschen von drei Seiten.
In einer großen Schüssel viele fritierte Pommes und dazu fünf Schälchen Currywurst, daneben ein Teller mit kleingeschnittenen Gurkenstücken, Ketchup und ein großes Glas Majo.
Eine Pfanne Hoppelpoppel mit Ei, dazu gehören Kartoffel, Zwiebel, Paprika, Nudeln (wenn noch welche im Kühlschrank herumvegetieren), Käse und Ei. Anbei ein Glas saure Gurken.
Und all das höchst unliebevoll angerichtet und kantinenmäßig auf die Teller geschleudert. So sieht die Woche aus, auf dem Tisch. Und immer in der Nähe, ein großes Glas mit brauner Süßplörre.

Ja, ich war einmal Köchin. Und ja, ich habe in der hohen Schule des attraktiven Anrichtens gelernt. Ich habe sogar bei Wettbewerben gekocht. Und dabei den vierten Platz von dreißig Teilnehmern erreicht, was mich sehr gefreut hat, denn die drei Sieger flogen nach Neuseeland. Das hätte mich überhaupt nicht erfreut. Flugangst. Immer diese Flugangst. Früher war das kein Problem, aber heute macht mich schon eine Stunde Flug nach Berlin völlig fertig. Aber ich arbeite nicht daran. Im Moment will ich sowieso nirgendwo hin, es ist gerade dermaßen schön hier, da will ich doch gar nicht weg. Und wenn, dann ist der Mond gerade weit genug.
Wo war ich denn nun schon wieder? Ich verliere in letzter Zeit manchmal den Faden. Dann stehe ich im Keller und weiß nicht recht, warum. Ich werfe einfach eine Maschine Wäsche ein, nehme eine Flasche Wasser mit nach oben und fege im Vorbeigehen noch ein paar Spinnenweben aus den Ecken.
Wenn ich später auf dem Klo sitze, weiß ich auch wieder, warum ich unten war.
Egal, das tut jetzt eigentlich nichts zur Sache.
Ich kann also, wenn ich will, auch schönes Essen machen. Und sehr leckeres Essen noch dazu. Auch mit mehreren Gängen und das strengt mich nicht einmal so großartig an. Ich will aber nicht.
Und darum habe ich ein schlechtes Gewissen. Warum will ich das denn nur nicht? Liegt es daran, dass man es keinem recht machen kann mit der Speisenauswahl? Zu wenig Proteine für den Muskelaufbau, zu viel Gemüse, zu viele Vitamine, zu wenig Fette?
Nein, das ist es nicht. Liegt es daran, dass ich mich mit so viel anderem Stuss befassen muss, dass mir die Puste ausgeht auf dem Weg zum Abendessen? Ohja, genau das ist es.
Wenn ich mir hier schon mehrere Stunden mit familiärem Schnick und Schnack um die Ohren schlug und die hormongeschwängerte Luft der Kombattanten atmen musste, fehlt mir der Elan für das perfekte Dinner.
Dann starre ich wehmütig auf die Lecker-Essen-Leicht-Gemacht-Für-Doofe-Nüsse-Seiten, die mich mit Serviervorschlägen quälen, und bin irgendwie traurig.

Die alte Dame, um deren böses Bein ich mich kümmere, die hatte damals, als sie klein war, im Hause ihrer Eltern eine Rosa. Rosa kam aus irgendeinem Gebirgskaff mit Achtzehn hinunter ins Tal und bekam eine Stelle bei ihnen. Sie lernte das Kochen von der Frau des Hauses und tat das dann mit Inbrunst neben der Hausarbeit, die sie ebenfalls erledigte, damit alles eine Ordnung haben konnte und die Mutter sich um die Kinder und den Garten kümmerte.
Warum habe ich keine Rosa? Warum fühle ich mich mitunter, als wäre ich die Rosa? Und warum suche ich nach Koch-Inspiration auf Seiten, die für mich doch jedesmal nur Frust-Inspiration sind?

Ich bin im Moment doch sehr kritisch mit mir. Ich glaube, ich brauche noch mehr Schokolade. Und wieder ein bisschen frei.
Ich besorge mir später im Baumarkt eine Schaufel.
Bitte entspannt Euch sofort wieder. Ich werde nicht meine Familie verbuddeln, nachdem ich sie erschlagen habe, ich bitte Euch. So durchgeknallt bin ich nun auch wieder nicht. Ich werde mir einfach den Weg zu ein paar schönen und freien Tagen schaufeln.

(Ich bitte davon abzusehen, den Gutfrisierten in die Essenszubereitung einzubeziehen. Das gehört zu seinen fehlenden Talenten, Nummer 423, es würde nur wieder mit Bauchweh meinerseits enden, und einer Nacht im Badezimmer. Danke.)