Mond

Es ist gar nicht die Wut. Es ist auch nicht der Zorn oder das Unverständnis. Es ist diese tiefe Traurigkeit, die mich erdrückt.
Ich werde weinend wach und empfinde eine schreckliche Verwirrtheit. Ich verstehe nicht, was geschehen ist und bin traurig.

Als er noch klein war, der Fürst, noch weit entfernt von Finsternis, da war er wie ein kleiner pausbackiger Engel. Wir wohnten mitten in der lauten Stadt in einem häßlichen Haus, aber darin in einer wunderschönen Wohnung. Wir waren zu dritt und jeder hatte ein eigenes Zimmer. Wir besuchten uns gegenseitig oder trafen uns im großen Flur auf dem Boden, um dort zu spielen, auf dem sonnengelben Teppich, der die Wohnung selbst an Novembertagen aussehen ließ, als würden wir in einem lauen, sonnigen Sommertag sitzen.

Als er gerade laufen konnte, fielen einige Schneeflocken aus den Wolken, er stand am Fenster und war ganz erstaunt, weil der Regen so hübsch werden konnte. Wir zogen uns an und gingen nach draußen, ich wollte sowieso noch kurz ein paar Kleinigkeiten einkaufen. Wir brauchten für den Weg eine halbe Stunde, obwohl der Laden doch nur auf der anderen Straßenseite war. Aber diese Schneeflocken fesselten seine ganze Aufmerksamkeit. Er versuchte, sie einzufangen, er beobachtete sie bei ihrem Tanz auf dem Wind und freute sich über jede Flocke, die an ihm vorbeigeflogen kam.
Eine ältere Dame kam an uns vorbei und lachte. „Wie schön, wenn man mal jemanden sieht, der sich Zeit nimmt.“
Wir nahmen uns Zeit. Er nahm sich die Zeit, die Flocken zu erkunden, ich nahm sie mir, ihm dabei zuzuschauen.
Da war dieses Gefühl von Liebe, die einfach nur da ist.

Ich werde nie den Moment vergessen, als ich sah, dass er verstand, was ich sagte. Ich erwartete es überhaupt nicht, es kam ganz überraschend. Ich räumte noch schnell ein paar leere Flaschen in die Tasche und sagte zu ihm, wie man das als Mutter so macht, man redet und redet, im Grunde mit sich selbst und vor sich hin, aber doch immer auch zum Kind, damit es irgendwann einmal so weit ist, dass es weiß, was man da gerade tut,
„Ich packe jetzt noch die Flaschen ein und dann holen wir noch deine Schuhe und dann geht es los.“
Und plötzlich stand er da, mit einem Lachen im Gesicht und seine Schuhe in der Hand.
Kurze Zeit später verstand er auch „Bring das bitte in den Mülleimer“, und meine Schwester und ich schickten ihn wieder und wieder mit Papierfitzeln in die Küche zum Mülleimer, die er mit Begeisterung dort hineinwarf und wir hatten alle drei so eine Freude daran.

Manchmal, wenn ich ihn ansah, hätte ich einfach nur weinen können vor Liebe und vor Glück. Wenn ich andere reden hörte davon, wie entnervt sie von ihren Kindern seien, wenn ich Eltern mit älteren Kindern reden hörte, die schöne Zeit sei irgendwann vorbei, da dachte ich noch, diese Liebe ist so unerschütterlich, so tief verbindend, das wird bei uns sicher so nicht sein. Ich werde niemals denken, welche Freude, wenn mein Kind irgendwann auszieht.
Aber das war ein Irrtum.
Die Liebe ist tief verbindend, aber ist sie unerschütterlich? Ist sie in Stein gemeißelt? Ist das Gefühl der Zuneigung so groß, dass es alles aushält?

Wenn wir uns jetzt gegenüberstehen, durchfließt mich immer noch diese Zuneigung, dieses Lieben, und ich würde gern über sein raspelkurzes Haar streichen, das früher weiche Locken waren, ihn ohne Worte wissen lassen, dass er in meinem Herzen ist, die Verbindung spüren.
Aber was mir entgegenkommt, das ist Kälte. Ablehnung. Abneigung.
Und damit zu leben, schmerzt.
Und es schmerzt, zu spüren, wie sich diese Gefühle in das eigene Herz schleichen. Wie ich so fühlen muss, weil ich es sonst nicht aushalten kann. Weil ich, würde ich in diesem Gefühl der Liebe bleiben, mich selbst verlieren würde.

Und so träume ich von diesem mir sehr fremden Mann, der aus dem kleinen Menschen geworden ist, der früher in seinem Ringelpullover kleine Arme um mich legte und seinen Kopf in diese Kuhle zwischen Kopf und Schulter legte, um sich eine kleine Pause von der wilden Welt zu gönnen.
Ich träume von ihm, heftig, wild, hart, brutal und unschön und werde weinend wach.

Darum muss ich es schreiben. Damit es mir nicht das Herz stehenbleiben lässt.Mondschein