Am Samstag hatte ich ganz plötzlich und unvermittelt einen soeben frisch entstanden Herzenswunsch. Er entsprang einer Situation, die ich kurz beschreiben möchte.

Samstag ist der Tag in der Woche, an welchem der König Fußball regiert. Nicht nur die Bundesliga tritt gegen das Leder, auch in den Niederungen des DFB wird geschossen, gefoult, gewonnen und verloren. Und wenn man zwei ganze Kerle in der Kinderschar zu verzeichnen hat, dann ist es nahezu unvermeidlich, dass mindestens einer dem Verbandsfußball fröhnt.
Und an den Wochenenden wird gegen andere Mannschaften gebolzt. Das findet nicht immer auf dem eigenen Platz statt, sondern mitunter auch irgendwo in den Kaparten. Um dort hinzukommen, braucht es Fahrzeuge. Wenn möglich Fahrzeuge, die über eine große Anzahl an Sitzen verfügt. Ja, wir haben so eine Karre. Groß, dunkelblau, getönte Scheiben, mein Liebling. Ich fahre gern Auto und dieses Auto hat, obwohl es ein Ding ist, ich es so gut wie nicht pflege, es selten reinige, es immer schmuddelt, innen wie außen, einen großen Platz in meinem Herzen.

So wurde ich angefragt, ob ich die Fußballerhorde diesen Samstag durch die Welt fahren könnte, zumal es auf den Sportplatz gehen sollte, auf dem ich vor dreißig Jahren bei einer der bittersten Niederlagen meines Lebens das Ende meiner Leichtathletik-Karriere verkündete.
Damals musste ich einspringen in der Klassenstaffel, acht mal fünfzig Meter, hin und her. Ich war nicht eingeplant, aber leider fiel die Superduperextraschnellläuferin Sabine aus, weil sie spontan das Menstruieren anfing und sofort nach Hause wollte. Weil alle anderen sich sofort blitzartig in irgendwelchen Löchern verkrochen, nur ich wieder einmal zu langsam reagierte, wurde ich als Ersatzläuferin verpflichtet.
Es kam, wie es kommen musste, ich war fürchterlich nervös, da meine aktuelle Bestzeit mit sechzehn Sekunden auf fünfzig Meter weitab jeder Norm lag und ich wusste, was mir bevorstand, sollte ich verkacken. Und ich verkackte. Ich ließ ihn fallen, den Staffelstab. Schwubb, flog er in hohem Bogen durch die Gegend. Hätte mir jemand sagen müssen, dass sich so ein aus Holz gedrechselter Stab in einen Fisch verwandelt, wenn er meine Handfläche berührt.
Und dann wurde ich gehasst, denn die Klassenstaffel kam als Hinterletzter ins Ziel. Nicht einfach nur Letzter, nein, absolut Letzter, Hinterletzter, Letzterer ging es schon gar nicht mehr. Danach hatte ich mir einiges anzuhören. Ja, auch verletzende Dinge, die ganz klar unterhalb der Gürtellinie angesiedelt waren. Sehr unangenehm.
Und so stellte ich mich hin, erhob meine Stimme und rief über den damals noch mit Asche bestreuten, löchrigen Platz mit einem leisen Beben in der Stimme:
„Höret meine Worte! Ich schwöre hier und heute, ich werde auf immerda jegliche Teilnahme an Bundesjugendspielen verweigern. Von jetzt an wird jedes Sportfest ohne mich stattfinden. Niemand wird mich mehr rennen, springen, werfen sehen. Und wenn ich nicht mehr mitmachen kann, weil ich zu alt geworden sein werde, werde ich auch nicht als Wertungsrichter teilnehmen. Niemals. Nönich!
Und sollte ich diesem heiligen Eid zuwider handeln, möge der heilige Adidas vom Olymp herabsteigen und mir eigenfüßig mit seinem Pumaschuh in den Hintern treten, soll mich der Nikeblitz erschlagen, soll mich der Reebok in einer Pfütze ersäufen!
Ich schwöre!“

So fand ich mich also in der Position, an den Ort meines ganz privaten Waterloos zurückzukehren.
Vieles hat sich dort verändert. Die Asche ist einem Kunstrasen gewichen, die riesigen Pappeln wurden gefällt, die Tribüne durch einen Rasenhügel ersetzt. Aber trotzdem wabert sie immer noch auf dem Platz herum, die Niederlage. Auch an der Weitsprunggrube, die immer noch an der Stirnseite des Platzes liegt, ist es fast ein Nebel, der sich über den Sand zieht.
„Einen Meter fünfzig!!“, scheinen die irritierten Zwitschervögel aus den Hecken zu plärren, um mir noch einmal meine Bestweite in Erinnerung zu rufen. Leider habe ich das Luftgewehr immer noch nicht gekauft, sonst hätte ich die Piepmätze aus der Brombeere geschossen.

Hinter dem Tor liegt sie, die Weitsprunggrube!

Hinter dem Tor liegt sie, die Weitsprunggrube!

Ich hatte dann das Vergnügen, ein Fußballspiel betrachten zu können. Ich habe vorher noch nie ein Fußballspiel in Echt gesehen. Die Perspektive hat mich hochgradig irritiert. Es war alles so flach und von unten. Im Fernsehen sieht man das deutlich besser. Und so wurden dauernd Sachen gepfiffen, die ich nicht sehen konnte. Abseits zum Beispiel. Ich weiß, wie ein richtiges Abseits aussieht. Aber direkt neben dem Platz stehend, kann ich ein Abseits nicht einmal dann erkennen, wenn es mir mit nacktem Hintern ins Gesicht hüpft. Wie auch immer, ich amüsierte mich recht gut, wobei ich mich allerdings fragte, ob es in dieser Klasse, Bezirksirgendwas, wirklich nötig ist, dem Gegner mit den Stollen auf den Kopf zu treten.
Mit einem stolzen Elf-zu-Zwei-Sieg, einer aufgerissene Backe, diversen blauen Schienbeinen und einer Platzwunde an der Hand (das war ein Freundschaftsspiel, da möchte ich nicht wissen, was passiert, wenn es um irgendetwas wie zum Beispiel Punkte geht!) gingen meine Helden vom Platz.
Sie zogen sich um, raus aus den Trikotleibchen, die ich heute glücklicherweise nicht waschen muss, auch keine Lavendelhöschen heute für Frau Lavendel, kamen aus der Umkleide, steckten sich zum Teil erst einmal ein Kippchen an und dann schlenderten wir in Richtung Auto.
Dort stiegen sie ein. Und im Auto machte sich ein Geruch breit.
Ein Geruch.
Der machte sich breit, sehr breit. Es war ein bisschen so, als wolle man Erbsensuppe atmen. Sechs fünfzehn bis sechzehn Jahre alte Pubertistas. Nach einem Neunzigminutenspiel. Geduscht hat keiner nach dem Spiel, das machen die lieber Zuhause. Dazu den Geruch von kaltem Rauch. Sportschuhe, ungelüftet. Schweiß. Viel Schweiß. Sporttrikotnylonpolyester. Rasierwasser oder penetrantes Deo. Dazu ein Hauch von Hund aus dem Kofferraum.

Ich öffnete das Fenster.

Kein Wort kam über die Lippen der verkniffen schauenden Kerle. Einer schaute grimmiger als der andere. Ich fuhr ein paar Kilometer vor mich hin und überlegte, ob ich etwas sagen dürfte. Oder ob das zu den verbotenen Dingen gehört und Killerdog mich bis ans Ende der Zeit hassen würde. Ich schaute mir im Rückspiegel die Burschen an. Alle sehr cool. Extrem cool. Sehr unbeteiligt und ein Hauch gelangweilt.

Und da kam er, der Herzenswunsch. Er durchfuhr mich durch alle Schichten meines Daseins. Ich wollte in diesem Moment nichts so sehr, wie nicht getönte Scheiben und ein rosafarbenes Auto mit einer großen Lillifee auf der Motorhaube.
Ich wünschte es mir so sehr. Allein die Vorstellung, diese sechs grimmig schauenden Kerle durch den Ort zu fahren, an den Kreuzungen zu hupen und alle schauen rüber, auf dieses Auto in rosa, in Lillifees Motorkutsche…. .

Jetzt überlege ich, demnächst noch einmal zu fahren, vorher aber das Auto zu verkleiden.