Was ist denn nur im Wald los? Kaum ein Spaziergang ist mehr möglich, ohne über irgendeine Ungereimtheit zu stolpern.
Gab es vor wenigen Tagen erst die Absonderlichkeiten rund um die Waldschrats, so war es gestern ungleich unheimlicher.

Auf dem Weg in den Wald schien alles noch ganz normal. Es war schön matschig, wie gefühlt seit Monaten. Bis zum Knöchel in der Mulle wandern und hinterher die Töle reinigen ist tägliches Programm.
Die Bäume waren nackig, wie ebenfalls seit viel zu langer Zeit, die Vögel fangen schon das Zwitschern an, was irgendwie deplatziert ist, da der Januar noch nicht vorbei ist und normalerweise im März die ersten Schreihälse loslegen. Im Gegensatz zum Rest der Republik hält sich das Rheinland aus dem Wintergeschäft komplett raus. Keine Schneeflocke, Temperaturen um die fünf Grad plus, nachts ein klitzekleiner Anflug von Frost.
Wie meistens im Januar, also. Ganz normal.

Aber am Ende des Spaziergangs wurde es seltsam.
Ganz plötzlich herrschte vollkommene Stille. Mir fiel auf einmal auf, dass mir niemand begegnet war, auf der kompletten Runde nicht. Der Wald wirkte sehr still und sehr leer.
Eigentlich trifft man sich, unter Hundebesitzern. Manchmal wirft man sich nur mitleidige Blicke zu, manchmal wechselt man das ein odere andere Wort, „Näää, hat eine Tube Creme gefressen, darum hat er wieder Durchfall!“ oder „Jaja, ich weiß, hat sich in was Totem gewälzt, muss ich duschen, stinkt nach Verwesung!“ und solche Sachen. Hin und wieder hindert man sich selbst an tätlichen Handlungen mit inneren Zwiegesprächen: „Du weißt das, Frau Lavendel, du darfst andere Hundebesitzer nicht mit der Leine schlagen, auch nicht, wenn sie dein Hundchen darauf konditionieren, an jedem Menschen hochzuspringen und zu betteln, um ein Stück selbstgebackenen Hundekeks aus Leber und Muskelfleisch zu ergattern. Nein, auch nicht die Leine hinterherwerfen. Auch nicht kreischen, nein, dasist verboten. Jetzt hältst du die Leine schön fest und atmest. Dann rufst du deinen Hund zurück und gehst mit ihm um die Kurve und hinter der Kurve trittst du ihm in den Arsch, aachhhh, halt, nein, das darfst du auch nicht, egal, geh jetzt weiter. Atmen, komm, atmen!“
Aber nichts dergleichen. Nichts und niemand kreuzte unseren Weg. Und auch das Licht war seltsam. Es wirkte gelblich und diffus.
Ein leichter Schauder kroch mir über den Rücken und gänste meine Haut. Der Hund ging ganz nah neben mir, stieß immer an mein Bein und schaute sich ständig um.

Hä?

 

„Was ist das?“, fragte ich mich und schlich mich näher heran.
Auf den ersten Blick einfach nur ein Handschuh. Der Hund war stehen geblieben und näherte sich dem Handschuh keinen Schritt. „Komm schon her!“, rief ich ihn, aber er pellte sich ein Ei drauf und blieb, wo er war, machte sogar noch zwei Schritte rückwärts, bevor er sich hinsetzte und sich die Sache aus der Ferne beschaute.
Ich bin jetzt nicht der Typ, der sich vor einem Handschuh erschreckt. Aber dann sah ich ihn aus anderer Perspektive.

Evil!

Der Handschuh macht eine Geste, er macht die Geste des Bösen, des Teufels. Mano cornuta, den Teufelsgruß.
Jesses, was ist da los im Wald?
Oder ist der Handschuh einfach nur ein Metal-Fan, der sich schon auf Wacken 2014 freut?
Kann natürlich auch sein, dass hier eine Botschaft übermittelt wird.
Da justamente in diesem Moment meine Phantasie mit lautem Plopp hochging wie ein Silvesterböller, und mir neben dem Blair Witch Project noch andere Filme spontan in den Sinn kamen, trat ich zügig den Rückweg an und entfernte mich ruhigen aber doch schnellen Schrittes vom Handschuh und ging nach Hause.
Der Hund kam gerne mit.

Heute war der Handschuh weg. Als wäre er nie da gewesen. Die Vögelchen zwitscherten lustig vor sich hin und die Herrchen von Timmy, der Kläfftöle und Lucky, dem Schlauchmaul, begegneten mir auf Schritt und Tritt und taten, was sie immer tun, meinen Hund füttern, trotz freundlicher Hinweise, dies zu unterlassen.

Jetzt frage ich mich, ob es wirkt, wenn ich meinen Handschuh auch so dort hindrapiere. Ob ich irgendwelche beschwörenden Worte sprechen muss. Wie sieht es aus mit Seelenverkauf und ähnlichem?
Könnte da Spaziergang ohne Feindkontakt bei herausspringen?
Lohnt sich das?
Bin ich eigentlich total bekloppt?
Ich glaube, ich muss mehr schlafen. Und weniger essen. Oder mehr essen und weniger schlafen? Ich weiß es doch auch nicht.

Es soll ja wirklich Leute geben, die Angst im Wald haben. Ich habe lieber Angst vor Handschuhen.