Im Auto läuft das Radio. Und als hätte es den Plan, mir die Tränen in die Augen zu treiben, läuft ein verkitschtes Lied nach dem anderen. Ich habe eine Leidenschaft für verkitschte Lieder. Rührseliges und Sentimentales im richtigen Moment und ich zerfließe in Melancholie. Manchmal mache ich mir das selbst, dann werfe ich mir meine Knatschmusik in den Player, manchmal übernimmt das Radio diese Funktion, ohne Vorankündigung und ohne Warnung.
Dann stehe ich an einer roten Ampel, die Tränen tropfen mir durch das Gesicht und ich erwecke möglicherweise den Eindruck, ich sei die traurigste Person, die in diesem Augenblick an der Ampel steht.
Das ist aber gar nicht so. In Wirklichkeit spüre ich nur den Gefühlen hinterher, die durch ein Lied geweckt wurden. Und dass ich weine, das ist nicht die Verzweiflung.

Dann denke ich zum Beispiel an Mischa, die erste Liebe meines Lebens.
Wir waren auf einer Klassenfahrt und ich hatte zum ersten Mal überhaupt jemandem gestanden, dass ich mein Leben für einen grausamen Witz des Schicksals hielt. Wie traurig und wie verletzt ich war von dem, was mit mir und um mich herum geschah.
Wir saßen eine ganze Nacht im Gemeinschaftsraum, irgendwann zu zweit auf einem Sessel, unter einen kratzigen Decke, und er wollte all die Dinge von mir wissen, die mir das Herz schwer machten. Dabei hielt er mich im Arm und ich fühlte mich auf einmal nicht mehr vollkommen verlassen, sondern spürte die Nähe eines Menschen.
Eine Träne der Verwunderung stahl sich in mein Auge, war es doch ein neues Gefühl für mich, gehalten zu werden.
Und dann bekam ich meinen ersten zarten Kuss. Die Augen blieben auf, wir schauten uns an, und unsere Lippen blieben nur kurz zusammen, dann legten wir unsere Gesichter aneinander und atmeten uns ein und aus.
Ich verlor mein Herz in dieser Nacht und bekam es in Stücken in einer Schachtel zurück, denn nur wenige Tage später war es in kleine Teile gebrochen, weil es in seinem Leben schon ein Mädchen gab. Ich war nur ein kurzer Ausflug.
Diese Erinnerung ist wundervoll warm, weich und traurig.

Und so stehe ich an der Ampel, lausche dem Lied und ergebe mich den Gefühlen der Vergangenheit, finde das fünfzehnjährige Mädchen in mir und nehme es in den Arm, halte es, während es ein bisschen weint, bis ich es verabschiede und gehen lasse.