„Ach!“, sagt Frau Santor, „Ach, gut dass ich Sie treffe!“
Ich stehe im Flur der alten Dame, deren Beine ich alle zwei Tage versorge. Sie müssen gehegt und gepflegt werden, solche Beine. Wenn sie erst einmal fünfundachtzig sind, die Beine, dann brauchen sie einen warmen Waschlappen, eine sanfte Massage und viel Salbe, damit die Haut weich und geschlossen bleibt. Anschließend möchten sie eingewickelt werden, weil sonst allerhand Wasser in ihnen versackt. Das wäre unangenehm und macht die zwanzig Meter, die am Tag noch gelaufen werden können, zu einer echten Qual.

Frau Santor lehnt sich an den Stuhl gegenüber der alten Dame. Ich habe eben noch die Wasserschüssel ausgeleert und die Cremetuben verräumt und möchte meinen Mantel anziehen, um dann nach Hause zu gehen. Wer Frau Santor kennt, der weiß, dass ich diese Chance nicht mehr habe. Ich werde nicht schnell nach Hause kommen. Ich werde jetzt zuhören. Und es wird ein bisschen dauern.
Frau Santor hält das Haus der alten Dame in Ordnung und kümmert sich um ihre Finanzen. Das hat sie übernommen, als der Vollstreckungsbeamte in der Tür stand und die alte Dame in Gewahrsam nehmen wollte. Die kam nämlich nicht mehr gut zu recht, mit all den Überweisungen.
Sie achtet auch darauf, dass die alte Dame morgens heißen Tee hat und ein Brötchen, mittags eine warme Suppe und abends zartbittere Schokolade. Frau Santor ist stets auf der Jagd nach Gespenstern. So nennt sie die Staub- und Spinnfäden, die sich gern an Decken hängen und sanft im leichten Luftzug hin und her schweben. Alles muss seine Ordnung haben. Solche Fäden gehören nicht ins Haus, höchstens in den Garten, wenn überhaupt.
Und alle Papiere werden abgeheftet und nach Datum vorher sortiert. Frau Santor hat ein System eingeführt, sie weiß immer gleich, wo welche Rechnungen abgeheftet und wann sie bezahlt wurden. Sie hat auch dafür gesorgt, dass die Bank verschämt einen schon unterschriebenen und rechtsgültigen Vertrag rückgängig machte, weil es eigentlich sittenwidrig ist, einer fünfundachtzigjährigen Dame das Konto leerzuräumen und das Geld dann monatlich als Rente zurückzuzahlen. Lebenslang. Ein kurzes Zahlenspiel zeigt, was die Bank sich dabei dachte.
Wenn man hundertausend Euro von jemandem bekommt, der schon so alt ist, dass die mittlere verbliebene Lebenserwartung bei geschätzten zwei Jahren liegt, dann eintausend Euro pro Monat auszahlt an denjenigen, dann wären das im Falle von vierundzwanzig Monaten vierundzwanzigtausend Euro. Bleiben sechsundsiebzigtausend Euro übrig. Wenn es denn so lange sein wird. Dreiundneunzig wird die alte Dame vermutlich nicht mehr schaffen.
Frau Santor führte einige Gespräche mit der Bank und nun ist alles wieder so, wie es sein soll. Das Geld ist wieder da, der Vertrag geschreddert und die alte Dame wird beim nächsten Finanzberaterbesuch nicht allein dort sitzen.

„Gut, dass ich Sie treffe!“, sagt sie. Ich atme tief durch und lächle.
„Wissen Sie, ich habe eben etwas wirklich Widerliches miterleben müssen.“ In meinem Kopf entstehen Bilder von schrecklichen Unfällen, von vergammelten Lebensmitteln oder sich sehr ungehörig benehmenden Personen.
„Das erzähle ich Ihnen aber jetzt mal.“ Ich nicke ihr freundlich zu. Sie schaut die alte Dame an. Die hat sich gerade eben an den Tisch zurückgehangelt und bestreicht nun ihre dünne Weißbrotscheibe mit einem Hauch Butter, scheint aber nicht so genau hinzuhören. Frau Santor erzählt.

„Ich kam gerade aus dem Ort zurück, da fuhr ich ganz langsam davorne, wo die Leute das neue Haus gebaut haben. Die haben das ganz nach hinten gebaut, vorne ist jetzt jede Menge Platz. Wenn denen mal das Geld ausgeht, dann können die vorne noch verkaufen, kein Problem. Darum haben die das so gemacht. Ich fahre da immer ganz langsam, weil die einen kleinen Sohn haben. Der spielt manchmal draußen. Muss man eben vorsichtig sein. Und dann kommt in dem Moment eine Frau mit Hund vorbei. Die kennen Sie bestimmt. Dieser dicke, helle Hund, die kommen aus der Straße wo die wohnen. Das Haus direkt auf der Ecke. Da wohnen diese zwei, sie wissen schon, die Frauen. Diese Lesben eben. Die eine hat immer so eine blaue Jacke an und immer auch eine Kippe in ihrem Maul. Nä, in der Öffentlichkeit rauchen, das geht doch nicht, oder? Das ist so unschön! Auf jeden Fall geht die mit dem Hund und wie ich so hingucke, was sehe ich? Ja, was? Einen riesengroßen Hundehaufen. Das war ein riesiger Haufen. Der Hund war bestimmt schon tagelang nicht draußen, sonst würde der nie so einen großen Haufen machen. Ich sage Ihnen, das ist ja so widerlich. Und dann in diesen Sandhügel, genau auf dem Grundstück vor dem neuen Haus. Das geht nicht. Man kann nicht einfach seinen Hund da hinkacken lassen. Man muss das wegmachen. Ich bin dann weitergefahren, habe das Auto in die Garage gebracht und bin nochmal hingegangen, um zu gucken, weil ich hätte mich ja auch verguckt haben können. Aber nein, da lag ein so großer Haufen, unglaublich. Ich meine, wenn ich schon mal mit dem Nachbarsdackel spazieren gehe, dann lasse ich den an der kurzen Leine, ich lasse den nicht mal schnüffeln, bis wir im Wald sind. Und dann geht der da ins Grün und kackt. Aber nicht auf die Straße. Warum nehmen die Leute das denn nicht mit, wenn ihr Hund auf die Straße kackt? Gummihandschuhe und eine Tüte, einpacken, mitnehmen, das ist wirklich kein Problem! Und wenn die das schon mitnehmen, dann werfen die das bei den anderen Leuten auch noch in die Biotonne. Das geht auch nicht. Das ist unmöglich. Wirklich. Ich habe überlegt, ob ich da stehen bleiben soll und warte, bis die Lesbe wieder aus dem Wald kommt. Dann würde ich der aber was sagen. Das geht doch alles wirklich nicht.“

Sie zetert noch ein bisschen vor sich hin, während ich meinen Mantel schließe, der alten Dame ganz vorsichtig die zierliche Hand drücke, sachte, damit sie nicht zerbricht, ihr noch einen guten Tag wünsche und dann langsam zur Tür vorrücke. Frau Santor redet immer noch, ich gehe aus der Tür, sie redet immer noch, ich nehme mein Fahrrad, sie redet immer noch. Der Hundehaufen ist ein Thema von epischer Breite. Ich höre ihr zu, sage nichts, das wird auch nicht erwartet, schiebe mein Fahrrad Richtung Straße, sie läuft neben mir her und redet über die Größe des Kackhaufens und die Möglichkeit, die Darmentleerung des Hundes durch gezielte Fütterungszeiten so zu beeinflussen, dass in Abstimmung mit den Spaziergängen ein Absetzen von Kot im Wald erreicht werden kann.
Ich hebe mein Bein über den Mittelholm des Rades und sage: „Ich werde dann mal losradeln, ich habe noch einiges zu erledigen.“
„Frau Lavendel, nein, das geht nicht, ich will Ihnen doch noch eben den Kackhaufen zeigen….!“
Ich stehe da und schaue sie nur an. Mein Kopf ist sehr leer. Dann höre ich eine Stimme in meinem Kopf, die mir etwas zuruft. Ich öffne meinen Mund und lasse die Worte heraus.
„Frau Santor, nein.“
„Doch, kommen Sie, das ist direkt davorne. Ich wollte Ihnen das zeigen, das müssen Sie sich einfach ansehen!“
„Frau Santor. Ich habe in meinem Leben schon eine ganze Menge Scheiße gesehen, dieser Haufen, den muss ich mir nicht extra angucken. Beim besten Willen nicht. Hundehaufen kann ich mir täglich ansehen. Extrem frische sogar, direkt aus meinem Hund.“
„Ja, aber das ist so unmöglich, kommen Sie eben noch schnell mit!“
„Nein. Ich muss los, die Kinder warten auf mich, wir haben noch etwas vor.“
„Es sind nur fünfzehn Meter bis zum Haufen.“
„Ich habe keine Zeit für Hundehaufen. Und es ist mir eigentlich auch egal, was für ein Haufen da liegt.“
„Och, bitte, kommen Sie schon, bitte, bitte.“

Vollkommen erschüttert sehe ich sie an.
„Nein. Ich muss jetzt los. Bis Montag!“, sage ich und steige auf das Rad.
„Da, da kommt sie, sehen Sie? Da hinten, am Waldrand, da kommt sie. Jetzt bleibe ich aber doch mal hier und warte auf die. Der werde ich was erzählen…!“, höre ich sie noch weiterreden, während ich kräftig in die Pedale trete.
Ich begegne zweihundert Meter weiter der Frau mit Hund. Ich steige ab, begrüße kurz den Hund und erzähle ihr: „Übrigens steht die Straße runter die Hundehaufenpolizei. Es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder die nächste Straße links abbiegen und die Dame umgehen oder mitten rein ins Getümmel und sich einen Vortrag über Hundehaufen und deren Entsorgung anhören.“
Sie grinst mich an. „Ich hatte heute Stress auf der Arbeit. Ich glaube, ich gehe mich kloppen.“
Ich stelle schnell mein Fahrrad in den Schuppen, eile ins Haus und verschließe die Tür.
Dann setze ich mich auf die Couch und denke ein bisschen darüber nach, ob ich die Menschen verstehe.