Der klassische Tobsuchtsanfall spielt sich ab einem gewissen Alter nicht mehr auf der Straße ab. Man wirft sich nicht mehr auf den Parkplatz eines Möbelfachgeschäftes, weil es verboten wurde, die aus dem Mund gestürzte Gelee-Maus dem Rinnstein zu entreißen und wieder zurück in den Mund zu stopfen.
Man kreischt auch nicht mehr rum wie eine Todesfee, nur weil das Modellauto nicht in den Einkaufswagen darf.
Und es gibt keine hysterischen Ausbrüche wegen eines nicht gekauften Lutschers.

Im Laufe der Entwicklung verändert sich das Tobsuchtpotential eines Menschen gewaltig. Zwischenzeitlich lassen einen gesellschaftliche Fragen hochgehen wie eine Silvesterrakete, dann sind auch politische Fragen mitunter der Zündstoff, den es braucht, um eine gute Explosion hervorzurufen.

Aber niemand und nichts auf dieser Welt lässt einen so hochgehen wie das eigen Fleisch und Blut. Kein anderer Mensch, keine Begebenheit, kein Umstand bringt den Kreislauf und die Wuthormone so in Schwung wie die selbstgezüchtete Brut.
Und ganz besonders gut funktioniert das Ganze bei den Hausaufgaben.

„Mama, kannst du mir bei Physik helfen?“
„Was hast du denn auf?“
„Keine Ahnung.“
An dieser Stelle beißt der Muttermund das erste Mal in den Tisch.
„Gut, dann schau erst mal, was Sache ist und frag mich dann. Okay?“
„Mama?“
„Ja?“
„Ich verstehe die Aufgabe nicht.“
„Wie lautet sie denn?“
„Weiß ich nicht.“
Hier flattert innerlich das Hemd.
„Hast du die Aufgabe denn gelesen?“
„Joah.“
„Und?“
„Joah, keine Ahnung. Ich soll was aus dem Buch heraussuchen.“
„Hast du denn im Buch nachgelesen?“
„Ja, nöö.“
„Wie willst du aus dem Buch etwas heraussuchen, wenn du nicht darin gelesen hast?“
„Weißt du denn nicht die Antwort auf die Frage?“
„Ich weiß ja nicht einmal, wie die Frage lautet.“
„Dass man was raussuchen soll.“
Und wieder wird die Tischplatte kleiner.
„Pass auf, lies dir erst einmal alles durch und dann kommst du nochmal wieder, okay?“
„Okay.“

Fünfzehn Minuten passiert nichts. Dann kommt das Kind wieder mitsamt dem Lehrbuch und dem Heft.
„Hier, guck mal.“
Ich lese kurz durch, worum es geht, habe keine Ahnung, was das soll und tue dies folgendermaßen kund:
„Ich kann kein Physik. Konnte ich nie.“
„Hä? Du bist doch die Mama, du musst mir doch helfen! Eltern müssen den Kindern helfen bei den Hausaufgaben!“
„Also, damit das mal klar ist, ich muss nix. Jar nischt. Nüschte. Wenn, dann ist das eine Freundlichkeit meinerseits, denn ich habe die Schule längst hinter mir. Du sollst den Kappes da lernen. Nicht ich. Und in Physik hatte ich immer eine fünf.“
„Ja und? Das ist mal heute keine Entschuldigung mehr. Dann streng dich halt ein bisschen an. Dann verstehst du das und erklärst mir alles.“
„Hallo????“
„Was denn?“
„Ich mache das nicht.“
„Aber dann kriege ich Ärger, weil ich das nicht habe. Und ich kann nicht verstecken, dass ich das nicht habe, weil die Lehrerin die Hausaufgaben kontrolliert.“
„Dann sagst du, dass du es nicht verstanden hast.“
„Das geht nicht. Man muss das haben.“
„Ja, aber wenn du es doch nicht kannst?“
„Ich muss es aber können.“
„Aber du gehst doch in die Schule, um es zu lernen und wenn du es nicht verstanden hast, musst du das doch sagen, damit du es erklärt bekommst.“
„Ja, neeee, du musst mir das erklären.“
„Ja, neeeee, gar nicht!“
„Doch, musst du und wenn du das nicht machst, dann bist du so gemein und ich hasse dich….“
Geh weg. Kind, geh weg. Jetzt. Sofort. Besser ist das. Verlasse das Zimmer, in dem wir uns gemeinsam befinden. Entschwinde und entfleuche. Mach dich vom Acker. Sonst fange ich an, dich auch mal zu hassen. Aber so was von.
Nein, ich werfe mich nicht kreischend auf den Boden. Ich reiße nicht das Physikbuch in Fetzen. Ich kotze nicht auf das Physikheft. Das ist alles nicht der Situation angemessen. Ich spucke auch nicht auf den Boden und raufe nicht mein Haar.
Ich bin erwachsen und habe einen ganz erwachsenen Tobsuchtsanfall. Ich habe das im Griff. Ich wälze mich nicht hin und her. Ich schreie, kreische, plärre nicht. Ich bin ruhig. Ich bin ärgerlich aber kontrolliert. Ich kann das aushalten. Meine Frustrationstoleranz ist ganz enorm gut. Ich brauche keine Ventile, um diese ÜBERSCHÄUMENDE WUT IN DEN GRIFF ZU KRIEGEN, weil ich sie im Griff habe. Ganz lässig. Nichts bringt mich aus der Fassung.
Ich kann Tobsuchtsanfälle wegdenken. Und wegschreiben.

„Kind, kannst wieder reinkommen, Mutti geht es besser!“

(Memo an mich selbst: Es ist von Vorteil, sich vor Augen zu führen, dass das Kind nur deshalb nicht eigeninitiativ die Aufgabe bearbeitet, da es meint, mit mütterlicher Hilfe schneller fertig zu werden. Auch das ist eine Form von Intelligenz, aber leider nicht von Erfolg gekrönt, denn es dauert auf Grund der folgenden Diskussionen und nicht stattfinden Schreiereien deutlich länger. Aber das wird das Kind noch merken. Möglicherweise. Und wenn nicht, kann ich es auch nicht ändern, ich mache denen trotzdem nicht die Hausaufgaben. Ich habe schon damals meine eigenen nicht gemacht.)