So weit ist es schon gekommen, dass ich mich von der Kassiererin im örtlichen Lebensmittelfachhandel mobben lasse.

Ich war einkaufen und benötigte einige Dinge des täglichen Lebens. Vier Liter Milch, zwei Packungen Nudeln, Äpfel, Blutorangen, eine Tafel Schokolade, Bananen, eine Tafel Schokolade, Waschmittel, eine Tüte Gummibärchen, Klopapier, Käse, Butter, ein Tafel Schokolade, was eben ansteht, wenn man eine Großfamilie mit dem Wocheneinkauf abdeckt. Einen Wagen voll mit vielen Sachen.
Ich schob, als ich sicher war, an alles gedacht zu haben, langsam Richtung Kasse. Und siehe da, entgegen aller Erwartungen stand dort keine Schlange. Es war kein Mensch zum Bezahlen da. Und das ist etwas, das hasse ich wie die Pest. Ich kann es nicht leiden, wenn ich einen randvollen Einkaufswagen habe und direkt dran bin. Ich bekomme dann Stress. Ich fühle mich gehetzt. Lieber habe ich noch ein bis zwei Kunden vor mir, damit ich meinen Krempel gemächlich auf das Förderband platzieren kann.
Aber nein, ich war nächster Kunde. Also räumte ich die Sachen in einer affenartigen Geschwindigkeit auf das Band, damit ich sie hinten rasch wieder einräumen konnte. Manche Kassiererinnen sind ja so ausgesprochen entspannt, die lassen einen erst einmal alles ausräumen, dann scannen sie die Ware und man kann in Ruhe wieder einräumen.

Aber nicht diese Kassiererin. Die hat sich vermutlich schon den ganzen Tag irgendeinen Scheiß von irgendwelchen Mitmenschen reinziehen müssen und war an der Kante der Laune. Vermutlich hatte sie schon länger damit geliebäugelt, den ganzen Laden in die Luft zu sprengen. Und da kam ich gerade recht. Ich legte die Sachen also auf und sie scannte, als hinge ihr Leben davon ab. Wir trugen einen harten Kampf aus, wer zuerst fertig wäre. Ich mit ausräumen oder sie direkt mit dem Scannen.
Ich war in sekundenschnelle schweißgebadet und außer Atem, während sie mit sparsamen Bewegungen eins nach dem anderen über diese Piepfläche zog und dabei leise vor sich hinlächelte. Aber nicht besonders freundlich, sondern so ein Lächeln. Ein kleines Lächeln. Ein gefährliches Lächeln, ein Lächeln, das nicht bis zu den Augen reichte. Ein Lächeln, das einem kalte Schauer über den Rücken jagte.

Ich war gerade fertig damit, den Wagen zu entleeren, hechtete zum anderen Ende der Kasseneinheit, wollte beherzt meine Sachen wieder in den Wagen werfen, da sah ich, dass sie alle Waren kunstvoll zum Turm drapiert hatte. Direkt neben sich. Alles lag an einer Stelle, nach der ich mich recken musste. Nicht nur so ein bisschen, sondern ich richtig. Ich streckte meine Arme, um meine Lebensmittel und all das andere Zeug zu erhaschen und einzuräumen. Und all die Sachen, die noch kamen, legte sie konsequent so weit weg, dass ich kaum dran kam.

Und noch während ich mich reckte, streckte, meine Sachen angelte und einräumte, trällerte sie mir ein eiskaltes: „Macht 96,55!“ entgegen. Ich wollte schon mein Portemonnaie aus der Tasche reißen und eiligst bezahlen, denn der Befehlsunterton war eines Oberfeldwebels würdig.

Aber da schwappte in mir eine Welle hoch. Heiß und kochend und mit dem kompletten Inhalt der vergangenen zwei Wochen. Ich richtete mich auf, ich sah sie an. Wir fixierten uns. Auge in Auge. Es vergingen die Sekunden, zäh und schleppend. Keine senkte den Blick. Aus den Lautsprechern des Geschäfts schnarrte die Mundharmonika und es wehte ein heißer Wüstenwind. Vereinzelt flogen diese komischen Gebüschbeulen durch die Gänge und in der Ferne hörte man einen Greifvogel kreischen. Sie kaute auf ihrem Tabak und spuckte in einen Topf neben ihrem Kassenstuhl. Ich hielt meine unruhigen Finger im Zaum.

Dann lächelte ich sie an, sagte: „Ja, sofort!“, räumte gemächlich meine Sachen in den Wagen, holte entspannt das Portemonnaie hervor, sagte: „Ich glaube, ich zahle mit der Karte.“ und erledigte das Finanzielle. Dann wünschte ich ihr noch einen wunderbaren Nachmittag und einen schönen Feierabend und ging.

Ich lasse mich doch nicht in einem Supermarkt mobben, der Freitagabend kleine Leuchtherzchen anbietet, die man sich anstecken kann, damit jeder weiß, aaaah, ein Single geht shoppen und man sich ganz ungezwungen als Singles während des Einkaufs kennenlernen kann.
Ich lasse mich doch nicht an der Kasse fertig machen. Ich nicht. So.