Hier gibt es eine Playstation im Haushalt. Lasst das nicht den Tuttifruttiwaldorfgotti wissen, dann gibt es Ärger.
Diese Playstation wurde gegen meinen ausdrücklichen Willen angeschafft. Ich finde nämlich Playstations vollkommen überflüssig (es sein denn, ich darf Singstar spielen).
Ich bin recht empfindlich, was Sinneseindrücke anbelangt. Darum erschließt sich mir das Game-Universum überhaupt nicht. Es bekommt mir einfach nicht.
Aber der Gutfrisierte ist dem Gerät durchaus zugetan. In jungen Jahren, als die Haut noch glatt, das Haar noch einfarbig und die Zeit noch endlos war, war er Eigentümer eines Atari-Irgendwas. Darauf spielte er leidenschaftlich Sachen, bei denen er Waffen einsammeln musste, um kurz darauf Aliens umzunieten.
Und so kam es zu einer Situation wie dieser:

Der Gutfrisierte saß auf dem Boden seiner eher kalten und feuchten kleinen Wohnung und klebte mit dem Gesicht an einem recht kleinen Bildschirm, in der Hand ein Kunststoffgebilde, auf dem er wild herumdrückte und dabei brummelte er leise: „Nimm das, du Mistvieh!“ und ähnliche Kommentare vor sich hin.
Wenn es dann an seiner Tür klingelte, drückte er mit ärgerlichem Gesichtsausdruck auf die Pausetaste, um zu sehen, wer denn seine verdiente Freizeitbeschäftigung stören täte. Wie so oft stand ich vor der Tür. Gut gelaunt und hoch erfreut, den Liebsten zu sehen und in Erwartung eines romantischen Nachmittags, kam ich mehr oder weniger ungebeten hinein. Er ging zielstrebig zurück zu seinem Plastikteil und meinte: „Ich mache das nur kurz zu Ende.“
Als liebende Freundin hockte man sich dann auf das Bett und schaute zu. Man wollte ja auch keine Nörgel-Inge sein. Das wusste man ja schon in jungen Jahren, dass Gemaule eine Minute nach der Ankunft nicht gut aufgenommen wird.
Und so hockte ich. Und ich hockte. Und schaute auf den Bildschirm. Ich schaute im Zimmer herum. Ich schaute auf den Bildschirm. Ich schaute auf meine Hände. Ich schaute auf den Bildschirm, wo eine andere Ebene des Raumschiffs von den Mistviechern gesäubert werden musste, um die Mission zu erfüllen.

Erstes intensiveres Atmen brachte keinen Erfolg. Gekoppelt mit einem leichten Stöhnen führte es zu dem Spruch: „Jahaaaa, gleich!“.
Irendwann saß ich wie paralysiert auf dem Bett, starrte auf den Bildschirm und spürte, dass es mir nicht gut ging. Ich musste immer tiefer Atmen und zwischendurch Gähnen.
Es wurde stetig schlimmer.

Nun muss man kurz erwähnen, dass in dem Zimmer eine nur mittelprächtige Ordnung herrschte. Es war ein gerüttelt Maß an Durcheinander und das störte mich wenig, denn in diesem Lebensabschnitt hielt man Ordnung noch für die Ausgeburt der Hölle. Ganz im Gegensatz zu heutigen Zeiten, wo man weiß, innere Ordnung ist gleich äußere Ordnung.

In diesem rumpeligen Zimmer saß ich also auf dem Bett, es war kühl und klamm und der Gutfrisierte ballerte und knallte, das Alienblut spritzte und spratzte und ich verlor von jetzt auf gleich zuerst die gute Laune und dann die Beherrschung. Es ging einfach nicht, es kam wie eine Urgewalt über mich. Und mit Schwung erbrach ich mich in den Papierkorb. In den vollen Papierkorb, der nahe am Bett stand. Ich fand das immer noch besser, als in den überquellenden Aschenbecher zu brechen.
Die Mission wurde dann abgebrochen und das Raumschiff auf Grund meiner Kotzattacke nicht gerettet.
Immerhin bekam ich dann die volle Aufmerksamkeit. Aber ich fand den Einsatz dafür zu hoch. Ich hätte lieber Aufmerksamkeit ohne Erbrechen gehabt.

Diese Begebenheit hatte zur Folge, dass einige Jahre in meiner Gegenwart nicht mehr auf Spielekonsolen herumgeballert wurde. Und ich der Anschaffung solcher Geräte immer sehr kritisch gegenüberstand.
Aber was soll man machen, wenn der Ehemann und Vater ein außerordentliches Vergnügen daran findet, mit seinem virtuellen, unterhemdeligen Ich durch die Straßen zu ziehen, Autos zu klauen und bestenfalls Leute zu verkloppen, schlimmstenfalls gleich abzuknallen? Argumente, die über die Zerbrechlichkeit der menschlichen Seele und die Verwundbarkeit von Gefühlen vorgebracht werden, bleiben unerhört und während früher noch das zu junge Alter der kleinen Mitbewohner zog, sind heute doch alle alt genug.

Und ich habe Momente, in denen ich diese komplette Entwicklung der virtuellen Medien und Spielmöglichkeiten verfluche. In denen ich fast glaube, dass sich der Mensch keinen Gefallen damit tut, Jugendliche im virtuellen Raum marodieren zu lassen.
Aber was weiß ich denn schon. Ich muss ja kotzen, wenn ich mitmache.