Hin und wieder halte ich Reden. Gern auch aus dem Stehgreif, ohne Planung, munter drauf los.
Leider gibt es im Kaff kein Speakers Corner und auch sonst bieten sich wenig Gelegenheiten, bei denen man Reden ans Volk schwingen kann. Früher konnte ich die Kinder zutexten, wobei die Themenauswahl natürlich beschränkt war.
In ganz frühen Zeiten waren die Geschichten vom kleinen Männlein sehr beliebt und sollten von mir in aller Ausführlichkeit berichtet werden.
Das kleine Männlein stand auf, das kleine Männlein frühstückte, das kleine Männlein zog sich an, die Reden arbeiteten sich am Leben des kleinen Männleins ab.
Später kamen Reden über Räuber dazu, über Piraten, über Frechdachse und wilde Kerle. Manchmal auch über Drachen und, ganz der geschlechtsspezifischen Erziehung geschuldet, die ein oder andere Rede über Prinzessinnen, Feen und Elfen.

Heute ist mein Redebedürfnis nur noch selten bei den Kindern gefordert. Mit steigendem Alter machte sich bemerkbar, dass sie selbst gern die Reden schwingen und ich ihnen den Platz freimachen soll, damit sie ihre Talente diesbezüglich erproben können.

Ich kann auch Trauerreden. Vor einigen wenigen Jahren verstarb mein Opa nicht ganz unerwartet. Man hatte schon deutlich früher mit seinem Ableben gerechnet, denn mit einer minimalen Leberfunktion lässt es sich bekanntlich nicht mehr allzulange Leben.
Aber er war ein medizinisches Wunder. Mit einer zünftigen Zirrhose und ordentlich viel Kalk im Kopf schaffte er, statt der prognostizierten sechs bis zwölf Monate, noch locker acht Jahre.
Als es dann zum Ende kam, waren alle nur darüber überrascht, dass er es so lange gemacht hatte.
Von seiner reichen Kinderschar war niemand gewillt, ein paar Worte im Rahmen der Trauerzeremonie zu sagen. Er war eben nicht der behaglichste Zeitgenosse und hatte es bei seiner Kindern, anders kann man es nicht sagen, verschissen.
Aber viel Geld für ein Mietmaul auszugeben, das kam natürlich auch nicht in Frage.
Ich habe kurzerhand entschlossen, die Rede zu übernehmen, denn wie bereits erwähnt, ich mache das von Zeit zu Zeit.
Es war eine schöne Rede. Ich habe auch seine schlechten Seiten nicht ausgelassen. Lobpreisungen auf seinen Charakter und sein Leben wären nämlich fehl am Platze gewesen. Also habe ich ihn beschrieben, wie er war. Ein stieseliger Sturkopf, unzugänglich, schweigsam und ein Piesepampel. Aber man kann schon erwähnen, wie lustig das war, als er tobte, weil ihm, als er meinem Onkel den abgeschnittenen Kotelettspeck vom Teller nahm und sich einverleibte, da er Speck liebte und auch so aussah, dummerweise der Kaugummi des Onkels vom Tellerrand unerkannt mit in den Mund geriet und sich dort in einer unheiligen Allianz mit Speck, Spucke und der Vollprothese in seinem Mäulchen festklebte.
Dieser Teil der Rede führte zu einem Heiterkeitsausbruch.
Nachher habe ich sie alle auch noch zum Heulen gekriegt.
Leider ist es wohl nicht üblich, bei Trauerreden zu applaudieren, was ich sehr bedauerlich fand.

Ich hatte heute also wieder einmal Lust, Reden zu halten. Leider fand sich hier im Haus niemand, der mir noch zuhören wollte. Außerdem ist das hier auch ein bisschen Perlen vor die Säue. Die Qualität meiner wohlüberlegten Ausdrucksweise kommt bei den Mitbewohnern nicht an, meine Worte, meine Sätze, meine ganzen Abschnitte, Seiten, kilometerlangen Ausführungen perlen an ihnen ab.
Meine Erläuterungen zum Thema Hygiene, sowohl im körperlichen als auch im räumlichen Bereich, so wunderbar aufgebaut und mit großartigen Beispielen aus der Zeit bis hin zum Mittelalter, hier besonders die Übertragungswege von Pest und Pocken und Herpes, stoßen auf kein Interesse.
Auch wohlüberlegte Referate zur Möglichkeit des beruflichen Erfolges durch fleißige Mitarbeit in der Schule werden kaum wahrgenommen, vereinzelt kam es bereits zu Buh-Rufen.

Und weil das so ist, habe ich mir im Laufe der Zeit ein neues Publikum erschlossen.
junges PublikumHier ein Foto von meiner noch sehr jungen Zuhörerschaft. Für diese fröhliche junge Gemeinschaft habe ich mir schon manch lustiges Redethema überlegt. Sie inspirieren mich zu Reden über die Möglichkeit des Unmöglichen, erklärt am Beispiel des vorrüberstreunenden, zum Pinkeln ansetzenden Hundes und des spitzen Endes einer Tannennadel. Aber auch Reden über Freiheit und Fernweh werden gern gehört.

Weitere Hörergruppen befinden sich auf der gegenüberliegenden Seite.
Ältere HörerDie schon etwas reifere Gruppe erfreue ich dann eher mit Themen zum Wetter. Ich erläutere die Unwetter der letzten Jahre anhand der Gesamtwetterlage weltweit unter Berücksichtigung des COzwei-Ausstosses und der Methangasentwicklung.
Manchmal werden auch Themen zum Bereich Ernährung genauer ausgeführt. Was für ein Typ ist man? Eher süß, oder eher sauer? Fragen an den Waldboden.

Ich habe mein ganz eigenes, höchstpersönliches Rednerpult.
PultDas besteige ich sportlich elegant und mit viel Schwung.
IMG_1577Und dann beginne ich auch schon mit meiner Ansprache. Mitunter gut vorbereitet, manchmal aus dem Stehgreif, einfach nur aus Spaß an der Freude.RundherumRundherum ist dann ein andächtiges Schweigen und alles lauscht meinen Ausführungen. Hin und wieder gibt es Zwischenrufe, vor allem von gefiederten und nicht eingeladenen Vorwitznasen, die meinen, sie hätten zu allem etwas zu sagen.
Aber konsequentes Ignorieren hilft auch an dieser Stelle.

Und so lasse ich viele Worte aus meinen Mund herausströmen,
diese umfliegen die Zuhörer, legen sich um ihre rauhen Rinden,
steigen an ihnen in die Höhe und höher und sind rasch nicht mehr zu hören.
Und fortDann sind sie fort.
Und ich kann herrlich entleert wieder zurück nach Hause gehen, keine Worte mehr für die, die mir sowieso nicht zuhören.

(Verbeugt sich, steigt vom Pult und geht.)

(Edit: Der Gutfrisierte zeigt sich interessiert am heutigen Text. Ich gab ihm eine Zusammenfassung. Aus zusammengekniffenen Augen schaute er mich an und fragte:
„Machst du das wirklich?“
„Ähm, ja?!“
Er schaute mich einen Moment lang an und sprach dann weiter:
„Antworten dir die Bäume?“
„Meistens nicht, aber manchmal höre ich da schon etwas…“
„Hörst du klar formulierte Antworten und Kommentare zu deinen Reden?“
„Nein.“
„Wenn das passieren sollte, dann sag mir sofort bescheid.“, sagte er und ging musizieren.)