Ein trödeliger Sonntag liegt vor mir. Ich habe nichts vor und ich will auch nichts vorhaben. Eben wurde ich zwar freundlich gefragt, ob ich denn nicht einmal das Frühstück machen wolle, während das Luxusproblem Hundespaziergang vom Gutfrisierten genossen wird, aber ich musste dieses Anliegen leider ablehnen. Ich habe keine Lust.

Ich habe auch keine Lust, das Badezimmer zu reinigen, obwohl dieses den dringenden Bedarf an Putzmitteln und Wischbewegungen lauthals kundtut, sobald man die Tür auch nur einen Spalt weit öffnet.
„Schrubb mich!!“, kreischt das Waschbecken sofort los, nur weil es sich von all den Zahnpastaflecken beeinträchtigt fühlt. Soll doch froh sein, immer ein bisschen Pasta bei sich zu haben.
Das Klo jammert herum, die Dusche beschwert sich über trübe Aussichten durch die Glastür und der Boden nörgelt etwas von wegen die Haare würden ihn so kitzeln.
Ich finde alle ein bisschen anstellerisch und meine, morgen ist auch noch ein Tag.

Eigentlich möchte ich einfach nur herumliegen und faul sein. Und das mit voller Absicht. Dabei möchte ich ein Buch lesen, herumliegen und ein Buch lesen. Mindestens zweihundertfünfzig Seiten am Stück, lediglich davon unterbrochen, etwas zu trinken zu holen, etwas zu essen zu holen oder vielleicht einmal aufs Klo zu gehen (mit Ohrstöpseln, da höre ich dann das Genöle nicht).
Dabei möchte ich vollkommen versinken in dem, was mir jemand mit diesem Buch erzählt. Ich weiß noch, als mir das zum ersten Mal passierte. Da hatte ich gerade Lesen gelernt, in der Grundschule. Und ich war begeistert. Da standen kleine schwarze Striche auf Blättern und plötzlich fügten die sich zu Buchstaben und die Buchstaben zu Worten, die Worte zu Sätzen und alles ergab einen Sinn.
Ich bekam ein Buch in Schreibschrift geschenkt, damals fing man nämlich mit Schreibschrift an, das Schreiben zu lernen, und mit Schwingübungen, und mit Richtigschreiben, dieses Buch schloss ich direkt ins Herz.
Ich las es in einer Nacht komplett durch, von vorne bis hinten.
„Tilli Tulla Firlefax“, eine kleine Hexe kommt zu Märta Bärta, ihrer Hexenverwandschaft, und dort bringt sie einiges durcheinander.
Da hatte das Wegfliegen in andere Welten durch ein Buch seine Premiere.
Ich liebte es, es war die ultimative Flucht vor so vielen Dingen, mit denen ich mich nicht befassen wollte.

Das ist bis heute so. Leider ist das ausdauernde und sich verlierende Lesen mit drei kleinen Kindern nicht gut möglich, weil man ständig Windeln wechseln, Essen machen und Grundversorgung leisten muss. Und wenn sie älter werden, dann kann die Konzentrationsfähigkeit durch Sorgen in Mitleidenschaft gezogen werden (der Spruch, kleine Kinder, kleine Sorgen, große Kinder, große Sorgen hat mir früher immer ein leicht verächtliches Lächeln ins Gesicht gezaubert, heute schüttele ich über meine eigene Ungläubigkeit den Kopf und finde mich damals sehr naiv).

Wenn der Punkt aber kommt, an dem man merkt, es geht wieder, ich kann abtauchen in den fremden Geschichten, in den anderen Welten, dann nichts wie los! Einen Kopfsprung in die Erzählungen, eine Arschbombe in den Krimi, ein paar Bahnen schwimmen durch einen Roman!!

Und da kann das Bad abstinken, die Kinder sich selbst versorgen und der Gutfrisierte soll bitte noch eine Stunde länger mit dem Hund unterwegs sein.
Denn ich habe keine Zeit.

Ich muss lesen.