Es ist noch nicht ganz Mittag und was heute schon alles passiert ist, das reicht eigentlich für den Rest des Tages. Mehr braucht es nicht.
Aber am Besten fange ich einmal ganz von vorne an.

Ich wurde durch das unbarmherzige, digitale Piepen geweckt, welches jeden Morgen in genau einer Sekunde mein komplettes Nervensystem in Fetzen legt. Der Gedanke, der eben noch im Traum warm und weich meine Hirnwindungen umwaberte, wurde durch dieses Geräusch hinwegexplodiert.
Nach dem üblichen Noch-Fünf-Minuten-Kampf richtete ich meinen nachtsteifen Körper auf und bemerkte sofort ein Unwohlsein im rechten Arm. Da ich aber für den Tag schon einen Termin bei der Körpertante eingeplant hatte, dachte ich mir sofort: „Soll die sich doch darum kümmern. Die hat schließlich Physiotherapie gelernt!“

Erfolgreiche Weckrunde, Frühstück hergerichtet und eine Tasse Tee später tat ich, was ich immer tue, morgens. Dumm glotzen. Hin und wieder einen Gedanken vorbeifliegen lassen, aber niemals nicht danach greifen. Gehen lassen. Da es morgens schon wieder heller ist, aus dem Fenster dumm rausglotzen.
Alles andere rauschte vorbei, frühstückende Menschen, die ich mittags dann als Verwandtschaft identifizieren kann, ein Hund, der schon freudig erregt auf sein Abendessen wartet, eine Milchpfütze, es zieht an mir vorbei, ohne Spuren zu hinterlassen.
So kann ich das an zwei bis drei Tagen in der Woche machen, weil ich nicht fahre. Fahrgemeinschaft, wisst Ihr?
Bei Tuttifruttiwaldorfmuttis sehr beliebt, denn Waldorffruttischulen haben einen großen Einzugsbereich. Da kann eine Fahrt zur Schule schon einmal eineinhalb Stunden dauern, wenn man mit dem öffentlichen Personennahverkehr vorlieb nimmt.

Und so tat ich es heute Morgen, stellte mich mit dem Wolkenköpfchen noch ein bisschen in den Flur, wir redeten noch zwei Worte, oder auch drei, ich weiß nicht mehr genau.
Ich fing an, auf die Fahrgemeinschaft zu schimpfen, weil sie schon wieder sehr spät unterwegs war.
Ist doch Mittwoch. „Wolkenköpfchen, welcher Tag ist heute?“
„Donnerstag, liebe verwirrte Mutter.“
„Ach. Du. Scheiße.“
Einer Rakete gleich, riss ich mir zumindest die Pyjamahose vom Leib, sprang in die gerade greifbare, völlig verdreckte Waldhose, schoss in den Mantel, sprang in die Schuhe, während ich lauthals zeterte: „Verdammte Scheiße, verdammte Scheiße, ich muss doch fahren, verdammte Scheiße, warum sagt mir das denn keiner, dass Donnerstag ist, scheißescheißescheiße!!“

Während ich zum Auto rannte, alle Mitfahrer hinterdrein, rief ich die Fahrgemeinschaft an, kreischte: „Ich bin sofort da….“ ins Telefon und fuhr mit sechzig Kilometern pro Stunde durch unser Dreißiger-Kaff. Sportliche Fahrweise.
Der Mitfahrer hatte noch einen Freund dabei, der heute sicher zuhause erzählen wird, dass er in der Frühe von einer halbirren Frau Flodder im Tiefflug zur Schule gebracht wurde, die mit wirrem Haar und irrem Blick, ungeputzten Zähnen, offenen Schuhen und hysterisch kichernd mit quietschenden Reifen und Bremsen um neun Minuten nach acht an der Schule ankam.

Danach war ich wach.
Und ging zur Körpertante. Als die sich an meinem Arm abgearbeitet hatte, der sich jetzt noch ekliger anfühlt als vorher, beschloss ich, in eine ortsansässige Boutique zu gehen. Oder, um es treffender zu schreiben, die Kaffbutik.
Ich wollte unbedingt etwas kaufen, zur Entspannung. Und siehe da, eine hübsche Hose in blauem Cord hing in der Reduziert-Abteilung. Ich probierte sie an. War nichts. Die Beine zu lang und oben zu eng. Schade.
Als ich sie weghängte, sah die Verkäuferin mich an und sagte: „Ja, Herrenhosen kann nicht jede Frau tragen.“
„Ach, f*ck dich doch!“ dachte ich. Innerlich. Laut. Soll sie das doch als amüsante Geschichte aus ihrem Arbeitsleben rumerzählen. Mir doch egal.
Wer nämlich solche Sachen in seinem Warenbestand hat:
HübschSehr hübschExtrem hübsch

sollte bitte ganz schön das Maul halten. Wirklich.
Ich habe nichts gekauft.

Auf der Fahrt nach Hause fand ich dann ein Unfallopfer auf der Straße.
Es lag mitten auf der Straße. Ich fuhr auf den nächstgelegenen Parkplatz, lief schnell zum Unfallort und fand folgende Situation vor:
Unfallopfer
Das ließ auf ein tragisches Geschehen schließen. Irgendjemand, das haben die forensischen Untersuchungen ergeben, muss das Opfer, eine junge Barbiefrau, während der Fahrt aus einem Auto geworfen haben. Es scheint, sie wurde anschließend von mehreren Autos überrollt.
Es stellte sich die Frage, sie ihrem Schicksal zu überlassen, auf dass so viele Autos über sie drüberrollen, bis sie dem Erdboden gleichgemacht wurde, oder sie mitzunehmen und einer ordnungsgemäßen Bestattung in der Entsorgungseinheit „Gelber Sackmüll“ zuzuführen, oder aber sie mitzunehmen und schon während der Fahrt eine Reanimationseinheit einzufordern, die bei Ankunft bereits mit Defibrilator, Epinephrin und Intubationsset bereitsteht, um die Wiederbelebung zumindest zu versuchen.
Die Entscheidung musste schnell getroffen werden, es durfte keine Zeit mehr verschwendet werden.
Und? Was glaubt Ihr denn?
Kopf vom OpferWas soll man tun, wenn man vom Opferkopf so angeschaut wird?
OpfertransportMan muss es doch wenigstens versuchen. Aufgeben kann man immer noch.
Also eingepackt, nach Hause gerast und dort zügig die Behandlung eingeleitet. Die Verletzungen sind sehr schwer, es ist nicht klar, ob die Barbiefrau das übersteht, aber sie ist ja zu ihrem großen Glück in einem Haus gelandet, dessen Mitarbeiter sich mit verunfallten Puppen recht gut auskennen. Trotzdem ist ihr Zustand sehr krititsch und die Prognosen sind nicht gut.
Opfer
Es gibt natürlich Hoffnung, die gibt es immer.

Und das alles vor dem Mittagessen (wobei es bei uns kein Mittagessen gibt, aber das ist eigentlich egal, es gibt ja Abendessen).
Das ist doch kein Wunder, dass ich da schon um kurz nach elf Uhr völlig flatterig bin.
Ich werde wohl, um mich von all dem zu erholen, ein bisschen auf der Couch ausruhen müssen.
Obwohl, ich habe irgendwie so ein bohrendes Gefühl, als hätte ich etwas vergessen. Etwas wichtiges. Aber es will mir einfach nicht einfallen.
Wie auch immer, ich schaue jetzt auch noch mal eben nach der Patientin.

(Was war das nur? Was war denn da? Irgendetwas war doch! Wenn mir das jetzt nicht ganz bald einfällt…)

 

Update:

Opfer
Wir haben eine Lobotomie, ein Appendektomie und eine Vasektomie durchgeführt, drei laparoskopische Eingriffe durchgeführt, eine Entlastungsbohrung und drei Aderlässe. Aber alle unsere Bemühungen brachten nicht das erhoffte Ergebnis.  Darum müssen wir zu unserem großen Bedauern das entgültige Ableben des Unfallopfers vom heutigen Morgen bekannt geben.

Sie hat es nicht geschafft. Möge sie in Frieden ruhen. Und sicher wird von ihr auf ewig etwas zurückbleiben. In der Phantasie eines kleinen Mädchens, eines seltsam veranlagten Herren oder auch im Bauch eines Fisches, der die in winzige Partikel zerfallene Barbie über obskure Müllwege verschluckte und schließlich im Organsimus eines Menschen, der diesen Fisch verspeiste.

(Ich hatte schon für meine kleinen Pummelpuppen nach einem entsprechenden Therapieangebot geschaut, falls der Magerwahn sie erfasst hätte, wären sie umgehend behandelt worden. Aber das ist ja jetzt vom Tisch, das Thema.)