Da sitzt man in aller Seelenruhe und Gemächlichkeit in der Frühe in einem ärztlichen Wartezimmer herum, schon das zweite an diesem Tag, das erste war leer und nur eine kurze Stippvisite, nachdem man gesagt bekam, dass da doch besser ein anderer Arzt draufgucken würde, der sicher mehr Ahnung von komischen Knubbeln an den knochigen Schultern von pubertierenden Mädchen hätte.

In diesem zweiten Wartezimmer also war es gerammelt voll. Die Menschen stapelten sich bis unter die Decke. Und weil es sich hier zur Hälfte um eine kinderspezifische Gesundheitseinrichtung handelte, war auch die Hälfte der Anwesenden deutlich unter achtzehn Jahren. Der Bereich der eins- bis dreijährigen Menschen war überproportional vertreten.
Nun ist es recht angenehm, wenn man selbst mit einem Kind da sitzt, das mittlerweile durchaus in der Lage ist, sich selbst zu beschäftigen.
Ganz im Gegensatz zu Lia, die es sich zum Ziel gesteckt hatte, jedes Kinderbuch und jede Zeitung im Raum anzulecken. Die Mutter versuchte natürlich, diesen Plan zu vereiteln, aber Lia war geschickt. Sie blinzelte mit den langen Wimpern, wippte keck mit ihrem Windelhintern, und sobald die Mutter auch nur kurz die Aufmerksamkeit von ihr abzog, fuhr sie ihre kleine schleimige Zunge aus und leckte, als gäbe es morgen nichts mehr zu lecken.
Auch der kleine Jay hat mir gut gefallen. Jay kämpfte einen aussichtslosen Kampf mit der Motorikschleife. Er schob die Holzperlen hin und her und versuchte, sie irgendwie aus dem Gestänge zu befreien. Er zog und zerrte, rappelte und klapperte, aber die Hersteller dieser mir in seiner Förderungsbestrebung unklaren Perlen-Stangen-Konstruktion waren sehr erfolgreich, was die Haltbarkeit und Widerstandskraft anbelangt.
Levis (gesprochen, wie man es schreibt, L E V I S, nicht zu verwechseln mit der Jeans) hingegen bewegte sich nur minimal, sagte aber nahezu ohne Pause „Mama, Mama, Mama, Mama……“. Sonst nichts. Und ihm hingen Hosenträger hinten aus dem Pulli.
Angelique sah so aus, als hätte sie schlecht geschlafen, ihre Mutter war offensichtlich hochgradig schlecht gelaunt und beachtete ihre Tocher mit keinem Blick. Aber Angelique schien daran gewöhnt zu sein und erfreute sich an Comics und Büchern, die sie ausdauernd durchblätterte.
Julian und Jason (sie fangen beide mit Dsche an) sahen aus, als gehörten sie zum selben Clan, aber die Mütter wirkten nicht verwandt. Es mag ein Zufall gewesen sein, dass sie, kaum dass sie laufen konnten, kleine Turnschuhe mit Blinklichtern an die Füße geschnallte bekamen. Ich konnte die beiden auch nicht sehr lange beobachten, da die Turnschuhe sonst bei mir zu einem epileptischen Anfall geführt hätten. Julian und Jason fanden sich nicht sonderlich sympathisch. Als der Versuch scheiterte, den dritten Weltkrieg wegen einer gelbgrünen Plastikraupe, die beim praxiseigenen Spielzeugequipment herumlag,  anzuzetteln, wurde anschließend kompensatorisch wie entfesselt durch das kleine Wartezimmer getobt.
Benjamin, dessen Mutter auf der englischen Form der Aussprache bestand und ihn ständig Bänjäminn nannte, wollte lieber unter als auf dem Stuhl sitzen. Seine Mutter erweckte den Eindruck, ein Problem mit Fußbodenbakterien zu haben. Sie zog ihn immer und immer wieder unter dem Stuhl hervor, dabei iiihte und iggittete sie in den höchsten Tönen. Bänjäminn war das relativ egal, er flutschte wie ein Fisch aus ihren Fingern und saß schneller wieder unter dem Stuhl als die Mutter hätte Desinfektionsmittel sagen können.
Marvin war schon etwas größer und verfügte über ein ordentliches Arsenal an Hautunreinheiten. Seine Pickel werden vermutlich die Stromrechnung der Eltern entlasten, da er im Dunkeln kein Licht anzuschalten braucht. Er verbreitet warmes, rötliches Entzündungslicht mit seinen Aknebacken. Der arme Kerl tat mir rechtschaffen leid, wie er sich zwischen den Horden von Windelträgern cool zu geben versuchte. Als dann die Tür aufging und er mit seinem vollen Namen aufgerufen wurde, hätte ich ihm am liebsten über den Rücken gestrichen und gesagt: „Such Dir ´ne Frau mit schönem Nachnamen, den nimmst du dann an.“
Habe ich aber nicht gemacht. Ich habe Marvin Matthias Heul einfach so seinem Schicksal überlassen. Wenn er schlau ist, kommt er selber drauf.
Marlene und Luisa waren möglicherweise durch einen Kraftkleber an ihrer Mutter befestigt. Oder aber sie interessierten sich wirklich für die mit leiernder Stimme vorgetragene Geschichte von dem Pony, dass an einem Apfel knabberte, in dem ein Wurm wohnte. Oder so ähnlich. Die Stimme hatte etwas derart Hypnotisches, dass ich schon nach den ersten fünf Wörtern sanft hinwegdämmerte.

Und dann waren wir endlich dran. Drei Stunden hatte es gedauert und ich habe mich keine Minute gelangweilt, bei diesem wunderbaren Liveprogramm.
Zwischendurch habe ich immer wieder mein Handy gezückt und einen weiteren erfahrenen Namen eingetippt, damit ich auch wirklich keins dieser Herzchen vergesse.
Und dann hatte ich im Behandlungszimmer noch zwanzig Minuten Zeit, darüber nachzudenken, ob die gehörten und erfahrenen Kindernamen wirklich einen repräsentativen Querschnitt durch die Gesellschaft wiedergaben, oder ob es sich um eine zufällige Versammlung handelte, aus der man keine weiteren Rückschlüsse ziehen sollte.

Ansonsten war das Wolkenköpfchen erstens gesund und hat sich zweitens einen Schultag erspart, der mit Sport und Vertretungsunterricht keine wirklich elementaren Entwicklungsprozesse ausgelöst hätte.