Ich möchte ein Bach sein, leise vor mich hinplätschern in einem seichten Bett. An meinen Rändern wächst weiches Moos, hin und wieder steht ein kleines Veilchen heraus und ab und an umfließe ich die Wurzeln einer alten, ehrwürdigen Tanne. Auf meinem Grund ist weicher Sand und ein paar glatte Kiesel.
Ich laufe murmelnd durch den Wald und die Sonne lässt ihre Strahlen auf mir tanzen.
Vögel nehmen ein kurzes Bad und an meinen feuchten Pfützen rechts und links entsteht eine wunderbare Mückenbrut.

Und?
Bin ich aber nicht. Kein Bach, kein Plätschern, keine Idylle.
Stattdessen immer das gleiche harte Brot, dass zu schlucken mir angereicht wird.
Und ich nehme es gern. Her damit. Ich hatte noch nicht genug, ich ertrage noch ein paar Scheibchen.
Ja, jammern. Ich möchte heute einfach einmal aus vollem Herzen darüber jammern, dass ich kein Bach bin. Und mein Leben kein Ponyhof ist. Dass die idyllischen Momente woanders hingezogen sind und hier eine Leere hinterlassen haben.
Ich muss darüber lamentieren, dass mein zartes Seelchen gerade wieder einiges an Prügel einstecken musste und sich darüber beschwert.

Zum Beispiel habe ich Zahnweh. „Dann geh halt zum Zahnarzt!“ höre ich schon die Stimmen rufen, „Ein Zahnarzt hilft bei Zahnweh!“.
Aber ich hasse Zahnärzte. Egal, ob sie mir persönlich bekannt sind oder nicht, ich kann sie nicht leiden. Gaht man einmal hin, hat man mindestens achtundzwanzig Folgetermine, schlimmeres Zahnweh als vorher und ganz zu schweigen von der Angst und dem Schrecken im Vorfeld. Vielleicht geht das Zahnweh wieder weg. Wobei einiges dagegen spricht. Wurzelbehandelter Backenzahn mit vierjährigem Provisorium. Vermutlich wird das nicht von allein wieder gut.

Zum Beispiel ist bald Karneval. Ab morgen herrscht hier der Ausnahmezustand und man kann sich nicht mehr aus dem Haus trauen, weil man überall mit Clowns rechnen muss. Wer mich kennt, der weiß, bin ich kein Freund von. Im Gegenteil, sie erschrecken mich.
Man darf auch nicht krank werden, denn es sind alle besoffen. Ich nicht, weil ich dem Alkohol zutiefst abgeneigt bin, was ich in bestimmten Situationen bedauere, aber nie genug, um es zu überwinden. Ich bin also nüchtern, aber wenn alle anderen betrunken sind, nützt das nichts.
Also muss man sehen, dass bis Aschermittwoch alle gesund bleiben.

Zum Beispiel habe ich beim schwungvollen Einparken einen Hubbel übersehen und unter das Bodenblech des Autos gerammt. Dieses knarksende und schabscharrende Geräusch war so eindrücklich, dass mir spontan die Tränen in die Augen traten vor Mitgefühl mit der Wagenunterseite. Ich entschuldigte mich ausführlich, glaube aber, das Auto hat mir noch nicht verziehen. Wobei ich mir jetzt noch einmal intensiv vor Augen führen muss, dass ein Auto ein Gebrauchsgegenstand ist und sich auf meine Zuneigung und meine Entschuldigungen ein Ei pellt. Es ist eben herzlos.

Und wo wir gerade bei herzlos sind.
Da liegt nämlich der Hund im Pfeffer. Oder der Hase begraben. Auf jeden Fall ist hier des Pudels Kern. Mal sehen, wieviele Platitüden mir noch einfallen, bevor ich mich dem zuwenden kann, was eigentlich der Grund für den heutigen desolaten Zustand meiner Innereien zwischen den Ohren und hinter dem Sternum ist.
Herz und Hirn. Die beiden sind wund gescheuert. Ganz rot und erwärmt, wie man es bei ordentlicher Reibung erwartet. Eine leichte Entzündung, würde ich diagnostizieren und als Behandlung Ruhe empfehlen. Und kühle Sahne aufstreichen, das lindert.
Ich würde mir auch mit auf den Weg geben, mir nicht immer das Herz und das Hirn so durchrubbeln zu lassen. Ich würde mir empfehlen, beiden ein schützendes Mäntelchen zu nähen, aus einem festen und widerstandsfähigen Stoff.
Aber ach, wenn davor Mutter steht, Mutter-Hirn und Mutter-Herz, dann geht alle Logik Flöte spielen und das sehr schief und schlecht.
Darum wird kein Mäntelchen genäht, kein Faden durchgeschnitten, keine Verbindung gekappt.
Ein bisschen Wund- und Heilsalbe dünn aufgetragen lässt die schlimmsten Beschwerden über Nacht abklingen und am neuen Tag werden die Türchen zu Herz und Hirn wieder geöffnet.

Warum?, fragt man sich. Warum macht man das. Scheint es doch, als seien die, die man hereinlässt, selbst völig hirn- und herzlos, sonst würden sie doch nicht anderer Leute Herz und Hirn derart malträtieren. Sonst wüssten sie, dass es sich nicht gehört.

Genug. Noch einmal die Augen schließen. Tief atmen und ein Bach sein für kurze Zeit. Spüren, wie das kühle Wasser kleine Stufen aus Stein hinunterspringt und dabei fröhlich gluckert. Das leise Summen von Bienen hören, die auf dem Weg nach irgendwo sind. Den blauen Himmel weit oben kennen, die Bäume riechen.
Nur fließen, von hier nach da. Gestern, heute, morgen. Und nie der Bach sein, der am Tag zuvor geflossen ist. Ein anderer Bach im gleichen Bett. Keine Minute ist wie die Minute davor.