Fuck!
Ich kann so nicht arbeiten!

Sonst gern von Regisseuren oder Schauspielern benutzt, möchte ich diesen Satz gerade in einer ohrenzerstörenden Lautstärke in das Wohnzimmer kreischen.
Auch Zahnärzte blaffen hin und wieder die Stuhlassistenz an, wenn der Sauger anstatt Sabber eine Backe ansaugt und wieder kein Kleber für das Inlay angerührt wurde.
Köche plärren das gern herum, wenn die Azubi-Schabe die Zwiebeln nicht fein genug gewürfelt hat und Kellner kreischen es, wenn sie sich zum wiederholten Male an einem Abend die Flossen an extra aufgeheizten Tellern verbrannt haben.

Fuck, ich kann so nicht arbeiten bedeutet hier an dieser Stelle und im hiesigen Wohnzimmer, dass der Gutfrisierte auf seiner Gitarre herumschrammelt. Damit verursacht er in mir einen wahren Sturm der Aggression. Denn er spielt nicht gefällig und hübsch, keine Lagerfeueratmosphäre, nein, er spielt, was ihm gefällt. Und das gefällt mir in der Regel nicht. Gar nicht.
Und wenn er eine Stunde lang geschrammelt hat, stehe ich kurz davor, einen Mord zu begehen. Dann ist jeder Ton des Instrumentes ein Ton zu viel. Und es ist egal, welche von seinen Gitarren er sich in den Arm klemmt, ob Akkustik, Halbakkustik, Elektrik, sie nerven mich alle gleichermaßen.
Und das tun sie seit über fünfundzwanzig Jahren.
Ich befürchte, der Tag wird kommen, an dem ich ihm eines seiner Saiteninstrumente über die Rübe ziehe.
Insbesonders nervt es mich, dass dieses Gitarrenspiel vermehrt dann entsteht, wenn ich etwas schreiben möchte. Wenn ich auf der Couch sitze, das Laptop auf den Beinen, die Gedanken schweifen lasse und in meinem Gehirn das suche, was unbedingt mit Hilfe einiger Worte den Kopf verlassen möchte.
Ich setze meine kreativen Möglichkeiten in Gang und was passiert? Gitarrenklang.
Und sofort möchte ich töten.
Das darf echt nicht wahr sein, wie extrem wütend ich dann werden kann.
Ich kämpfe mit mir, innen, weil er nun auch eine Daseinsberechtigung hat und durchaus auch seiner Kreativität Ausdruck verleihen möchte. Und weil er in der Woche meist aushäusig arbeitet, muss er natürlich auch die Möglichkeit haben, sich am Wochenende zu verwirklichen.

Aber, verdammte Scheiße, warum jetzt? Warum nicht wann anders?

Und parallel zu den Gitarrenklängen kommt dann etwas Minderjähriges angelatscht und spielt Luftballon im Wohnzimmer, in welchem ich auf der Couch sitze, schreiben möchte und immer wilder werde, weil nun Ballongeballer die Gitarrentöne in den Hintergrund drängt. Gleichzeitig kommt ein weiteres Minderjähriges, linst mir über die Schulter und blökt:
„Machstnda?“

Das heftige Zuklappen des Laptops in Verbindung mit dem oben genannten Schrei lässt alle einfrieren.
Ich werde mit Blicken bedacht, als hätte ich nicht mehr alle Tassen im Regal.

„Du arbeitest doch gar nicht!“, kommt der blöde Kommentar aus drei Kehlen.

Verdammt seid ihr, elende Würmer. Brut der Hölle. Wenn ich sage, ich arbeite, dann arbeite ich. Und nur, weil ihr denkt, meine Arbeit wäre, euren Scheiß zu erledigen und zu reinigen, könnt ihr mich trotzdem jetzt in Ruhe lassen!!!!
Boah eh, ich glaube, ich habe Hormone. Und zwar nicht zu knapp.

(Die Autorin des Textes bittet von guten Ratschlägen bezüglich der Regelung, wann wer was macht und mit welchem Geräuschpegel, abzusehen. 
Dies würde ihr Aggressionspotenzial nur weiter in die Höhe schrauben. Das Teilhabenlassen an Gewaltphantasien ist jedoch höchst willkommen und erlaubt.)