Die alte Dame, deren Beine ich hege und pflege, baut ab. Mit fünfundachtzig Jahren auf dem kleinen, krummen Rücken darf man das. Aber es macht mich trotzdem traurig.

Kennengelernt habe ich sie vor sechs Jahren. Ihr Mann war an einer Altersdemenz erkrankt und darum depressiv verstimmt. Er bekam jede Menge Medikamente, welche die Situation verschärften, weil sie die Altersdemenz verbessern sollten, stattdessen aber die Depressionen schlimmer wurden.

Er war ein hochgewachsener, abgemagerter Mann, der sehr darauf bedacht war, sich keine Blöße zu geben. Als ich das erste Mal zu ihnen kam, da tat er einfach, als sei ich zu Besuch gekommen. Er erzählte ein bisschen aus seinem Leben, dass er Pianist gewesen sei und das Schlimmste an der Demenz und der Arthrose in seinen Händen, dass er sich an Klavierstücke nicht mehr erinnern und seine Hände sie nicht mehr spielen wollten. In seinem Kopf, in seiner Erinnerung, in sich selbst spielte er sie fehlerfrei und wunderschön, aber wenn er sich an seinen Flügel setzte, dann stolperte er schon beim dritten Ton und kam nicht weiter.
Außer seine Hausärztin davon zu überzeugen, dass seine Medikation überdacht werden musste, um seine Lebensqualität zu verbessern, konnte ich nicht viel tun. Ich besuchte ihn hin und wieder, setzte mich zu ihm und hörte ihm zu, wie er von früher erzählte. Von seiner Zeit als Konzertpianist und seiner Liebe zur Musik. Und ich sah ihm zu, wie er immer weniger wurde.

Und eines Tages war er dann weg. Beim Frühstück in sich zusammengesunken und fertig mit seinem Leben.
Dann wurde er eingeäschert. Seine Asche steht auf dem Schreibtisch am Fenster Richtung Süden. Dort saß er gern am Mittag, wenn seine Frau sich zur Mittagsruhe hingelegt hatte. Jetzt steht er die ganze Zeit dort.
Ich weiß nicht wie, aber die alte Dame hat es geschafft, dem Bestattungsgesetz ein Schnippchen zu schlagen. Ihr Mann steht nun schon fast vier Jahre dort. Und bisher hat sich keiner gemeldet, der ihn unter die Erde bringen will.

Wenn sie vergessen hat, frische Strümpfe mit hinunter zu nehmen, dann gehe ich nach oben und suche ein Paar. Dabei fällt mein Blick immer auf die Urne. Grünlich marmoriert steht sie im Licht und strahlt ein bisschen. Und ich stehe davor und überlege, was der alte Herr wohl gedacht haben würde, wenn er gewusst hätte, dass seine Frau ihn auf dem Schreibtisch aufbewahren würde.
Ich vermute, er hätte lieber auf dem Flügel gestanden.
„Ach, Mau!“, hätte er gesagt, er nannte sie immer Mau, „was machst du denn schon wieder?“
Und sie hätte geantwortet: „Lass mich doch, Peterle.“

Als ich ihr sagte, es gäbe eine Bestattungspflicht in Deutschland, schaute sie mich unwissend und lächelnd an. „Wirklich? Das wusste ich nicht. Bei uns in der Schweiz kann man die Asche mit nach Hause nehmen.“
Ich sagte ihr: „Hängen Sie es nicht an die große Glocke, ich tue es auch nicht.“

Wenn die alte Dame weiter abbaut und möglicherweise demächst ebenfalls das Zeitliche segnet, dann müssen zwei Leute bestattet werden. Wie erklärt man das?
Ihre Sorge soll das nicht sein. Meine auch nicht. Aber es wird ganz sicher spannend, wenn die entfernte Verwandtschaft kommt, um sich das Erbe unter den Nagel zu reißen und dann Peterle auf seinem Schreibtisch findet.