Nun, dann heben wir den Vorhang und betrachten das Schauspiel.
Das Publikum raschelt sich in seinen Sitzen zurecht, der ein oder andere schneutzt noch einmal kräftig die Nase. Bonbons werden in den Mund geschoben um Hustenanfälle zu verhindern und langsam steigt die Spannung.

Die Bühne ist leer und dunkel. Plötzlich erscheint ein Lichtpunkt, gleitet suchend über die Bühne und bleibt an einer Frau hängen, deren geneigter Kopf wirkt wie ein windschiefer Baum.

Frau: „Hach, wie ist es mir so seltsam? Wie ist es mir so fremd? Das Kind, einst geboren aus meinem Schoß, die Frucht mehrer Lenden, es ist ein absonderlich Geschöpf geworden. Eben noch einem kleinen Engel gleich, das blonde Haar in sanften Locken das Gesicht umrahmend, das Händchen mit den dicken Fingern immer auf der Suche nach der Mutterhand für Schutz und Stärke. Mit kurzen Ärmchen den Mutterhals umschlingend, liebevoll die Nähe suchend.
Doch ach und weh, nun ist`s vorbei mit all der Freud. Getauscht von Beelzebub, das Wesen nun mit schwarzem Haar an Sack und Kinn. Angefüllt mit Arg und Bos, in jedem Spruch der Mutter einen wahrhaft wilden Angriff sehend, schlägt er zurück mit Wort und ohne Wort. “

Das Licht verbreitet sich und taucht die Bühne in warmes Morgenlicht. Die Frau entsteigt einem Gefährt und schaut auf eine Wand.

Frau: „Nun denn. Dort ist er nun, der Sohn. In dieser Trutzburg verbirgt er sich vor Pflicht und Müh, die einem Erstgeborenen durchaus zu Gesichte stehen. Aber nun gibt`s kein Entrinnen mehr, kein Verstecken im Gewande dieses kleinen Burgfräuleins, das er erst kurz nur sein Eigen nennt.
Wie soll auch so ein rasches Abenteuer die wahre, tiefe Liebe des Mutterherzens übertrumpfen. Der Fräulein gibt es viele, der Mutter jedoch nur die Eine, die ihm Leben schenkte, sein Dasein in die Welt gebar.
Wenn ernstes Wort ich an ihn richte, ihn mit Logik überzeuge, meine Liebe vor ihm nieder lege, so wird aufs Herz er sicher hören und gewisslich sicher sein, dass wahre, weise Worte nur meinen Mund verlassen, frei von Eigennutz und Selbstsucht.“

Aus der Wand tritt ein junger Bursche in einem Push-up-Pullover, den Rücken damit in ungeahnte Breite ausgeweitet. Er steht mit gepreizten Beinen und übellaunig vor der Frau und zündet sich eine Zigarette an.

Frau: „Oh Sohn, mein holder, was ist geschehen, sprich? Wieso steckst du dir solch Teufelszeug zwischen die roten Lippen, die einst an meinen Brüsten hingen? Geschwüre und Geschwulste werden folge deines Tuns sein. Es kann nicht sein in deinem Sinne, zu sterben früh und qualerfüllt. Wofür hätt` dann ich all das Leid ertragen, dich zur Welt zu bringen unter Schmerz und Pein?“

Junger Bursche: „Wat willste, Mutter?“

Frau: „Nun, Sohn, Vermächtnis an die Welt, ich bin gekommen, dich zu holen, auf das du deine Pflicht erfüllest und lernest, was zu lernen sei, um Haus und Hof erhalten zu können, wenn deinen Vater und mich dereinst der kühle Rasen deckt. Du musst erkennen, welche Dringlichkeit in diesem Unterfangen liegt. Ohne dieses Lernen, dieses Wissen wirst du kläglich scheitern und alles Hab und Gut verlieren. Verarmen wirst du und leben müssen von hartem Brot und Hartz vier.“

Junger Bursche: „Hä?“

Frau: „Wie gern würde ich von dir hören, dass du verstehst worin mir liegt der Sinn. Du kannst nicht immer nur der Lust nachfolgen. Wisse, mit seinem Geschlecht hat noch kein Mann einen Besenstiel erworben. Es gibt Pflichten, Sohn, Pflichten, denen kann man nicht entkommen, so zwingend folgen sie dir nach. Und wenn auch itzo deine Triebe wallen, so lasse sie nicht deine Gedanken und dein Gewissen beherrschen. Sei wahrhaft Mann und beherrsche du die Triebe. Stehe auf, wenn die Sonne den Morgen küsst und wandere den Weg zu den Hallen des Wissens. Lerne, Sohn, lerne und entwickele dich zu einem wahrhaftigen Menschen, der mit Taten glänzt.“

Junger Bursche: „Mutter, du nervst.“
Er dreht sich um und geht ab.

Frau: „Einen Versuch war es wert, oder? Morgen probiere ich es auf chinesisch.“

Das Publikum applaudiert frenetisch und geht nach Hause.

Die Frau sitzt danach noch ein Stündchen in ihrer Garderobe und überlegt, wie sie diesem Bengel denn noch erklären kann, dass Schulbesuche wichtiger als Geschlechtsverkehr sind.
Für den nächsten Tag plant sie die „Ich bin eine gramgebeugte Mutter, bitte tu mir das nicht an“-Nummer.

(https://fraulavendula.wordpress.com/2014/03/12/drama-zweiter-akt/)
(https://fraulavendula.wordpress.com/2014/03/13/drama-dritter-akt/)