Der wundervoll dunkelrote Samtvorhang hebt sich langsam in die Höhe und der interessierte Zuschauer wird eines Zimmers gewahr, in welchem sich allerlei Unrat zu einem Konglomerat zusammengeschlossen hat.
Zwischen Zigarettenschachteln, Bananenschalen, getragenen Unterkleidern, leeren, halbleeren und verunreinigten Tellern aller Art, leeren Flaschen und Wollmamuts steht ein großes Bett.
Darin räkelt sich der jugendliche Held.

Mit Schwung öffnet sich die Tür und herein schaut die windschiefe Frau.

Frau: „Eh, Rübenschwein, was geht?“

Die Stille ließe sich fast in Scheiben schneiden, würde nicht in diesem Moment der Refrain des unter Jugendlichen wohlbekannten und beliebten Songs „Alda, ich machs mit dein Mudda!“ aus den Boxen plärren.

Frau: „Alda, isch bins, dein Mudda. Was geht? Chillst?“

Weiterhin herrscht Stille und die windschiefe Frau erinnert von der Färbung an den Leuchtturm auf Amrum, wo sie damals mit der Fähre hingefahren sind. Damals. Als die kleinen Bengel noch diese hübschen gestreifeten Mützen trugen und an ihrer Hand durch die Dünen hüpften.

Frau: „Weissu, Alda, mussu mal die Bude räumen. Sons gibs hier Ratten, vastehse?“

Der Jugendliche hebt träge den Kopf, schaut die Frau an und sinkt zurück in die Kissen.

Frau: „Weissu, isch kotz sons in dein Simma!“

Jugendlicher Held: „Tsssss!“

Die windschiefe Frau verlässt das Zimmer. Der jugendliche Held zieht sein Handy unter der Bettdecke hervor.

Jugendlicher Held: „Meine Güte, meine Mutter geht mir vielleicht auf die Nerven. Sie hat ein übersteigertes Reinlichkeitsbedürfnis in Kombination mit einer Bakterienphobie. Wenn sie sich etwas besser entspannen könnte, würde ihr Leben sicher einfacher verlaufen. Bedauerlicherweise macht sie als Hobby aus Mücken Elefanten. Das ist ein richtig überflüssiger Sport.
Ganz unter uns, wie sollen denn die Ratten in den zweiten Stock kommen?
Ich denke, sie sollte einmal einen VHS-Kurs autogenes Training machen. Das würde der ganzen Familie zuträglich sein.“

Die Tür kracht aus den Angeln, die windschiefe Frau steht wie ein Fahnenmast kerzengrade und ordentlich aufgepumpt vor dem Bett des Helden.

Frau: „Siehssu? Isch wusstet doch, dassu reden kanns! Bis nisch stumm! Bisse nisch. Redste nur, wennde was wills! Du bis der Teufel in Jugendgestalt. Siehssu?“

Die Frau rennt aus dem Zimmer.
Der jugendliche Held zückt das Telefon.

Jugendlicher Held: „Papa? Kannst du früher von der Arbeit kommen? Da stimmt was nicht mit Mama!“

Der Vorhang senkt sich langsam über die Szenerie, in der Ferne hört man ein Martinshorn und die Rufe: „Nein, mir geht es gut, wirklich, mir geht es gut, es ist nichts, nein, ich wollte doch nur ein Brot in Scheiben schneiden, ich schneide doch keine Menschen in Scheiben, wirklich, es geht mir gut…“

Das Publikum sitzt einigermaßen verwirrt auf seinen Klappsitzen und fiebert dem dritten und letzten Akt des Dramas entgegen.
Schauen Sie auch morgen wieder vorbei, wenn sich folgende Fragen stellen:

– Wird die windschiefe Frau sich erholen?
– In welcher Einrichtung ist sie untergebracht?
– Darf sie jemals wieder ein Brotmesser bedienen?
– Ist Alkohol eine Lösung?