Das Publikum sitzt vor dem Vorhang und wartet auf die Fortsetzung des Dramas. In der kurzen Pause ereigneten sich folgende Dinge in chronologischer Reihenfolge:
Herr Ildefons G. aus R. ließ sich von seiner Frau Anita zu einem Glas Sekt überreden, durch das ein sofortiges Sodbrennen einsetzte. Als er sich seine Protonenpumpenhemmer aus der Manteltasche nehmen wollte, fiel ihm ein, dass dieser an der Garderobe zur Verwahrung lag.
Er suchte umgehend die Garderobe auf, wo er keine Gardrobieren antraf. Kurzerhand schwang er seinen Beinchen über den Tresen und begab sich auf die Suche nach seinem Mantel.
Dies wurde von Herrn Franz-Josef N. aus M. beobachtet. Das auffällige Verhalten von Ildefons G. erschien ihm höchst verdächtig. Darum verständigte er sofort die Security. Herr Kevin L., Security-Personal aus K. begab sich sofort zur Garderobe, sah Herrn Ildefons G. in den Jacken und Mänteln wühlen und entschied, dass es sich hier offensichtlich um einen politisch motivierten Terrorakt handeln musste.
Umgehend verständigte er seine Vorgesetzten, die Terroralarm auslösten.

Durch einen sofort ausgelösten Alarmplan kam es zu erheblichen Verwicklungen im Foyer des Theaters, wobei sich die Situation erst entspannte, als die Gardrobieren von ihrer gewerkschaftlich zugesicherten Raucherpause zurückkamen, Herrn Ildefons G. als Inhaber eines Mantels identifizieren konnten und ihm sein Mittel gegen Säureüberschuss im Magenbereich aushändigten.

Alleweile wurde auf der Herrentoilette Herr Karl Y. aus Q. von einem nicht näher zu beschreibenden ortsansässigen Wahnsinnigen in einer Klokabine eingesperrt. Bei dem Versuch, über den Rand der Toilettenwand zu klettern, verletzte Herr Karl Y. sich schwer. Er war mit der Nase am Scharnier hängen geblieben, was fatale Folgen für die Anzahl seiner Nasenlöcher hatte.
Entdeckt wurde er von Herrn Kevin L., der nach der ganzen Terroraufregung dringend seine Blase entleeren musste.
Während im Publikum nach einem Arzt gesucht wurde, ging Herr Fritze P. aus H. nichtsahnend in die Herrentoilette und sah sich einer relativ großen Blutlache gegenüber. Da er schon seit frühester Jugend kein Blut sehen konnte, weil er im Alter von elf Jahren mitansehen musste, wie sein Onkel von seiner Tante mit einem Mähdrescher frisiert wurde, fiel er augenblicklich in Ohnmacht. Dabei schlug er sich heftig den Kopf an, was zu einer weiteren Blutpfütze führte. Entdeckt wurde er von Herrn Ildefons G., der sich am Wasserhahn im Toilettenraum einen Schluck Wasser holen wollte, um seine Tablette hinunterspülen zu können. Er alamierte den Arzt, der eben noch Herrn Karl Y. versorgt hatte. Der Arzt rief einen Krankenwagen für beide Patienten, wobei die Rettungsassistenten erfreut waren über die Rationalität dieser Handlung.
Das sofort hinzugerufene Reinigungspersonal entfernte unter lautem Protest die Pfützen im Toilettenraum, war ihnen doch zugesichert worden, für den Sanitärbereich sei eine andere Firma zuständig.

Von all diesen Verwicklungen vollkommen unbeeindruckt, sitzt das Publikum nach wie vor auf den Klappstühlen. Eine sehr kräftige Dame hatte wenige Minuten zuvor noch die Funktion der Klappstühle unterschätzt. Sie hatte sich kurz erhoben, um ihrer ebenfalls gewichtigen Freundin über die Köpfe einiger Zuschauer hinweg einen Gruß zu entrichten. Auf dem Weg zurück zum Sitz war ihr entfallen, dass dieser seiner Aufgaben entsprechend hochgeklappt war. So knallte sie mit einem ordentlichen Schlag auf ihr Steißbein. Es dauerte einige Zeit, sie vom Boden aufzuheben und wieder in den heruntergeklappten Sitz zu positionieren.
Dank der direkten Sitznachbarn, denn allein wäre sie vermutlich bis zum Sankt Nimmerleinstag am Boden geblieben.

Endlich hebt sich der Vorhang. Es wallt dichter Kunstnebel über die Bühne.
Als er sich langsam lichtet, steht ein Rollstuhl auf der Bühne. Darin sitzt die windschiefe Frau, ihr Haar ist schlohweiß, die Haut ist schlaff und faltig. Sie trägt ein geblümtes Nachthemd und hübsche beigefarbene Kamelhaarpuschen.
Genüsslich zieht sie an einer schlanken Zigarette, schnickt die Asche auf den Boden und grinst fröhlich.
Eine Tür am Rande der Bühne öffnet sich und herein kommt ein gestandener Mann mit graumelierten Schläfen. Sein Sakko trägt er locker über dem Arm, den Kragen seines rosa Hemdes hat er gelockert.

Mann: „Tach, Mutter.“

Die Frau schaut zu ihm und sie erstarrt.

Mann (lauter): „Tach, Mutter, hab ich gesagt!“

Die Frau fixiert ihn mit zusammengezogenen Augenbrauen. Dann schaut sie weg und zieht erneut tief an der Zigarette, inhaliert den Rauch bis in den letzten Winkel ihrer alten Lunge und ascht noch einmal auf den Boden.

Mann: „Mutter, du sollst doch nicht rauchen. Das weißt du doch.“

Er nimmt der windschiefen Frau die Zigarette aus der Hand und sieht sich nach einem Aschenbecher um. Er findet keinen, tritt die Zigarette mit dem Fuß aus und hebt den Stummel auf. Er sucht nach einem Mülleimer.

Frau: „Also ich werfe die immer aus dem Fenster…“

Mann: „Mutter, du weißt genau, die sehen das hier nicht gern, wenn du auf deinem Zimmer rauchst. Du könntest einschlafen und mit deiner glimmenden Zigarette das komplette Haus in Flammen setzen.“

Frau: „Genau. Da würden sich einige hier darüber freuen. Die alte Schachtel aus Zimmer drei zum Beispiel. Die jammert doch immer, es soll endlich vorbei sein. Der würde ich einen Gefallen tun!“

Mann: „Mutter, so sollst du nicht reden. Meine Güte, benimm dich doch bitte einmal deinem Alter entsprechend. Ständig bekomme ich Anrufe von der Heimleitung, weil du deine Mitbewohner tyrannisierst. Das geht nicht. Wenn du so weiter machst, dann stimme ich doch noch der medikamentösen Ruhigstellung zu. Ich habe wirklich keine Lust, jede Woche diese Beschwerden über dich zu hören.“

Frau: „Beschwerden? Über mich? Von wem?“

Mann: „Alle Mitbewohner auf dieser Etage fürchten sich vor dir. Und die Angestellten wollen sich nicht mehr um dich kümmern. Vor allem die jungen Praktikanten, und da vor allem die männlichen Praktikanten, mögen nicht einmal in deine Nähe kommen…“

Frau: „Ach, diese schnuckeligen Kerlchen. Wenn ich die sehe, dann denke ich immer an früher. Das waren noch Zeiten. Ich kannte auch mal so junge Kerle. Ich glaube, die wohnten in meinem Haus… . Warum wohnten da so junge Kerle in meinem Haus? Was haben die denn bei mir gemacht?“

Mann: „Mutter, das war ich. Ich wohnte in deinem Haus.“

Frau: „Sie? Warum zum Geier haben Sie denn in meinem Haus gewohnt?“

Mann: „Ich bin dein Sohn, Mutter.“

Frau: „Hören Sie mal, junger Mann. Ich habe keine Kinder. Niemals. Sohn. Da würde ich mich doch erinnern, wenn ich einen Sohn gehabt hätte. Nääää, da gab es keinen Sohn. So was Widerliches hätte ich nie in mein Haus gelassen.“

Die windschiefe Frau zündet sich eine neue Zigarette an und holt aus den Falten ihres Nachthemds einen großen Schokoladenriegel. Sie reißt die Verpackung auf und beißt in den Riegel. Noch kauend nimmt sie den nächsten Zug.

Mann: „Ach, Mutter. Ich bin es. Dein Sohn. Wirklich. Erkennst du mich nicht?“

Frau: „Sohn. Was ist das, ein Sohn?“

Mann: „Ich. Ich bin ein Sohn.“

Frau: „Tut mir leid. Sie sehen eher aus wie ein Arschloch.“

Mann: „Das ist doch wohl nicht wahr. Mutter. Jedes Mal der gleiche Mist. Ich bin dein Sohn, du bist meine Mutter. Himmelherrgott. Jetzt merk es dir. Es ist so. Ich schwöre es. Du bist meine Mutter, ich bin dein Sohn.“

Frau: „Sicher?“

Mann: „Ja.“

Frau: „Ganz sicher?“

Mann: „Ja. Ganz sicher. Ich bin die Frucht deiner Lenden, der Nagel zu deinem Sarg, deine Plage. Dein Sohn.“

Frau: „Wenn du es so sagst. Siehst trotzdem aus wie ein Arschloch.“

Mann: „Mutter, ich muss los. Ich gehe. Ich komme nächste Woche wieder. Benimm dich so lange. Okay?“

Frau: „Wer sind denn Sie, dass Sie mir vorschreiben können, was ich zu tun und zu lassen habe? Sind Sie hier der Imperator oder was? Was wollen Sie eigentlich in meinem Zimmer? Raus hier, echt. Das ist mein Zimmer. Da kann ich machen, was ich will. Raus hier. Und nehmen Sie den Müll mit raus. Aber huschhuschhusch.“

Mann: „Bis nächste Woche, Mutter!“

Frau: „Jaja, und am Arsch ein Trötchen!“

Der Mann verlässt das Zimmer. Die windschiefe Frau reckt und streckt sich, erhebt sich aus dem Rollstuhl, macht ein paar Kniebeugen und klatscht in die Hände.
Die Tür geht auf und eine Pflegerin in weißem Kittel kommt herein.

Pflegerin: „Und? Wie war`s?“

Frau: „Ein voller Erfolg, meine Liebe. Ein voller Erfolg. Ich gebe ihm noch vier Wochen, dann heult er.“

Die Pflegerin und die windschiefe Frau geben sich ein Highfive und der Vorhang fällt.

Das Publikum versinkt in absoluter Stille. Dann donnert tosender Applaus.
Der Vorhang hebt sich, die Pflegerin tritt vor, verbeugt sich, bekommt eine Rose zugeworfen, fängt sie elegant auf und der Vorhang senkt sich.
Vorhang auf, die windschiefe Frau tritt auf. Die Zuschaur erheben sich von ihren Sitzen, Bravo-Rufe hallen durch das Theater. Weitere Rosen werden geworfen, die windschiefe Frau sammelt sie auf und verbeugt sich tief. Sie tritt einen Schritt zur Seite, deutet zum Bühnenrand, dort kommt der Mann.
Er stellt sich in die Mitte der Bühne, will sich verbeugen, als von einer sehr engagierten Zuschauerin ein Gänseei in seine Richtung geworfen wird. Da die Zuschauerin lange Zeit als Pitcher einer Profi-Baseball-Frauenmannschaft tätig war, trifft sie ihn exakt mitten auf der Stirn. Er taumelt zurück, verdreht die Augen und gleitet zu Boden.

Der Vorhang senkt sich entgültig.

Das Drama ist beendet.

(Manchmal glaube ich, an mir ist wahrhaft eine Dramatikerin verloren gegangen! Warum nur wurde ich anno dunnemals Köchin?)