Der samstägliche Wald unterscheidet sich gravierend vom Wochentagswald. Er ist zu sehr verschiedenen Zeiten bevölkert und es halten sich auch im Vergleich unterschiedliche Leute darin auf.

Wochentags talpern morgens früh um achte viele Frauen durch den Wald, gern auch in Grüppchen, die Hunde wuseln herum und machen in aller Ruhe ihr Geschäft, die Rangordnung aus und diverse Bettelorgien.
Die Frauen sind in der Regel ein bisschen verlottert und wirken dezent durcheinander aber heiter bis deprimiert, je nach dem. Man kennt das ja. Wenn man Frau ist.

Am Wochenende trifft man jedoch vermehrt Vertreter des männlichen Menschen. Der geht in der Regel um neun oder halb zehn meist allein und zügigen Schritts. Der entsprechende Hund läuft zackig bei Fuß und wehe wenn nicht.
Die Herren sind mit dekorativer Frisur unterwegs und tragen gern ein Jägermeister- oder Outdooroutfit vom Feinsten. Gegrüßt wird sparsam an der unteren Höflichkeitsgrenze, denn der Mann ist mit seiner Aufmerksamkeit ganz beim Hund und dem zu erwartenden Angriff durch Großwild.

Normalerweise ist der Gutfrisierte auch häufiger Samstagmorgen im Wald anzutreffen während ich mich noch ein wenig wie die schaumgeborene Venus im Bette räkele, heute Morgen jedoch ersparte ich ihm das. Er war erst des Nächtens heimgekehrt und um neun Uhr noch nicht in Wanderlaune.
Somit hatte ich die Möglichkeit, mir all die ganzen Kerle mit ihren knackiggut erzogenen Hunden anzuschauen.
Es war schön. Soviel männliche Erhabenheit in der Beziehung zwischen Herrn und Hund, ergreifend. Wirklich.

Als ich meine Aufmerksamkeit dann nach dem dritten Herr-Hund-Gespann langsam wieder in meine gewohnten Bahnen lenkte, bot mir der Wald diesen Anblick:

Grüner SchimmerÜberall hellgrüne Pünkelchen. Wohin das Auge auch schaut, ein grüner Schimmer liegt im Wald. Heute Morgen gab der Wald das Versprechen, dass es Frühling sein wird und färbte sich von winterlichem braun, grau, dunkel.
Frühling wird`sMan spürt es, man sieht es, man riecht es. Ein Blick, ein Atmen und es ist angekommen, das Versprechen.
Noch wenige Tage Wärme und der Wald wird platzen vor Leben. Dieser Moment, in dem man weiß, jetzt wird es passieren, jetzt kann nichts mehr den Frühling aufhalten, dieser Moment ist der schönste im ganzen Jahr.
Alle Tage mit Wärme und Sonne stehen noch bevor, keiner ist verschwendet worden mit albernen Dingen wie Kloputzen oder traurig sein.
Es ist, wie vor einer Schachtel Pralinen zu sitzen und genau zu wissen, dass man alle allein aufessen darf und es eine wahre Freude sein wird.
Gut, hinterher spannt einem die Wampe und man fragt sich, ob es jetzt wirklich so toll war wie erhofft. Aber dieser Augenblick, in dem man die Vorfreude hatte, der ist unbezahlbar. Ruf des VogelsUnd genau zum rechten Augenblick hörte ich mein Lieblingswaldgeräusch.
Den Ruf eines über den Bäumen kreisenden Greifvogels.
Bussard? Habicht? Geier? Keine Ahnung, aber dieser charakteristische Ruf lässt mich immer stehenbleiben und den Blick in den Himmel richten.
Der Wald meinte es heute so gut mit mir.
Gelassener Stimmung ging ich weiter und weiter und hatte keine Lust, den Heimweg anzutreten. Und hätte ich nicht so einen bohrenden Hunger verspürt, ich wäre sich noch ein paar Abzweigungen mehr gelaufen.
Prost.Ich scheine nicht die Einzige zu sein, die den Wald genießt. Aber jeder tut es auf seine Weise. Die Waldschratens hatten vermutlich eine Wiedersehensfeier, weil der alte Waldschrat nach seiner Exkursion doch in den Schoß der Ehefrau Familie zurückkehrte, Und eine echte Waldschratwiedersehensfeier verläuft fröhlich und feucht.
Mit mehreren Piccolos.
Hoch die Tasse.Es fanden sich einige Reste der Party auf meinem Weg. Ich wünsche den Waldschratens auf jeden Fall viel Glück. Und möchte ihnen eigentlich noch ans Herz legen, sich vor der gefürchteten waldschrater Fettleber in Acht zu nehmen und das nächste Mal lieber Limonade zur Feier zu reichen.

Dann gehe ich jetzt in der Zeit zurück und frage mich, was war vor einem Jahr. Vor einem Jahr war ich ein Jahr jünger. Mein Haar war kürzer und hatte einige graue weniger. Ich hatte einige Bücher noch nicht gelesen, die ich heute gelesen habe. Ich habe einige Sachen erlebt, von denen ich vor einem Jahr niemals dachte, dass ich sie erleben würde.
Und beim Spazierengehen sah die Welt so aus:Frisch