Mein Schatz!!!Mein Schatz!!!!!
Da ist mein Schatz! Ist wieder da. Hab ihn gefunden, meinen Schatz.
Ja, mein Schatz, bei mir bist Du! Ich werde viel besser auf dich aufpassen, mein Schatz.
Nein, mein Schatz, niemand wird dich mehr in die Finger kriegen, niemand. Ich werde dich beschützen vor den Händen der Unwürdigen!
Mein Schatz.

Und? Wo war er? Der Schatz?
Nun, es ist ein kleines bisschen peinlich. Denke ich. Nachdem ich die Familie, die Stadt und den Erdkreis in einer flammenden Rede zur Verantwortung gezogen haben, wirklich jedes Zimmer auf das Genaueste durchsucht und meinem Ärger freien Lauf gelassen hatte, all das aber ergebnislos blieb, entschloss ich mich, vor meiner eigenen Tür den Besen zu schwingen.
Und siehe da, manches verbirgt sich auf den ersten Blick, weil es sich erst auf den zweiten Blick unter dem Gerümpel sehen lässt.
In meiner eigenen Nachttischschublade, in welcher sich außerdem
ein Fieberthermometer, eine Pinzette, ein Brillenetui, Taschentücher, zwei Kalender, Haarbänder, Fußballsammelkarten Nationalelf 2010 mit dreimal Manuel Neuer, eine Nagelfeile, zwei Handspiegel, drei Liebesbriefe (von Kinderhand geschrieben, nicht dass einer denkt, nach sovielen Jahren der Ehe gäbe es Romantik in der Schublade), Tigerbalsam, Zahnstocher, Lippenpflegecreme, Schmerztabletten, Hustenbonbons, drei Postkarten und noch so einiges mehr befindet, hatte sich das Kabel ganz unten hinter Manuel Neuer verkrochen.

Jetzt bin ich sehr glücklich, weil mein Schatz wieder da ist. Aber ich muss eben auch mein eigenes Verhalten reflektieren. Ich muss in Ruhe darüber nachdenken, ob ich angemessen auf den vermeintlichen Verlust meines Schatzes reagiert habe, oder ob ich mich, falls ich später zugeben sollte, wo das Kabel sich fand, das Gelächter und den Spott ertragen und mich zudem auch noch entschuldigen muss.

(Wenn ich ganz ehrlich mit mir bin, dann muss ich mir selbst sagen: Hysterisches Huhn, erst mal im eigenen Durcheinander gucken, dann meckern!)

Was werden die sich alle freuen, wenn ich zerknirscht mitteile, mein Schatz ist wieder da und war auch nie weg.
Vielleicht tue ich aber auch so, als wäre es von selbst wieder aufgetaucht. Ganz plötzlich hätte es vor der Tür gelegen. Ein Räuber hatte es gestohlen. Weil das Kabel aber andauernd nur weinte und weinte und nichts anderes mehr tun konnte, als zu weinen, hatte der Räuber ein Einsehen und brachte es nach Hause zurück.
Ob die wohl zu alt für so eine Geschichte sind?
Vermutlich.
Also muss eine andere tragfähige Geschichte her, wie das Kabel wieder auftauchte.
Hat jemand eine Idee?

(Die Wahrheit? Kann dehnbar sein.)