Wenden wir uns den körperlichen Zipperlein zu, die mit der Anzahl der abgeleisteten Lebensjahre steigen.
Nehmen wir zum Beispiel mich. Heute Morgen. Ich wollte dynamisch aus dem Bett hüpfen, um mich freudestrahlend in den Tag zu werfen. Sonne, Spaziergang mit Hund, bisschen die Wege fegen, das ganze, herrliche „Wetter-ist-gut“-Programm.
Der Wecker klingelte, ich verbot ihm umgehend das Maul, schlug die Decke zurück und versuchte, die Beine herauszuschwingen.
Aber ach und weh. Das Knie. Es schmerzte. Und aus schwungvoll wurde knirschend, ächzend, stöhnend.
Ich habe mir heute Nacht im Schlaf wohl offensichtlich das Knie verrenkt.
Wo gibt es denn so was? Im Schlaf, das ist doch lächerlich.

Über mein Knie lässt sich auf der Habenseite sagen, dass es sich knickt, wenn ich es ihm befehle. Und dass es seinen Dienst regelmäßig verrichtet. Es ist recht verlässlich und bis auf das Knacken und Krachen hält es sich zurück mit Unmutsäußerungen.
Die Sollseite beinhaltet eine gewisse Hässlichkeit, wobei das Knie ja nichts für die Genetik kann. Dass es so kugelrundmondgesichtig daher kommt, und eben nicht modelmäßig knochig, verdankt es den Sauerkrautstampferbeinen der Vorfahren aus den estisch, lettisch, litauisch gelegenen Gebieten.
Seit heute gehört das Innere des Knies auch auf die Sollseite.
Das linke Knie hatte sich für diesen Weg schon vor zwanzig Jahren entschieden. Als der reinschauende Orthopäde mir in der Nachbesprechung sagte, das Knie habe sich in einer denkwürdigen Verfassung präsentiert und sei leider auf Grund einiger Fehlstellungen dreifach schnell gealtert, dachte ich mir, macht ja nichts, ich habe ja zwei.
Nun meint das linke Knie, was rechts kann, kann ich auch. Ohweh.

Wobei das reine Spekulation meinerseits ist. Es kann auch sein, dass ich mir beim Schlaf-Yoga das Knie verdrehte und darum heute der Schmerz darin wohnt.
Oder ich habe, wie der Hund es immer tut, im Traum die Häschen gejagt. Dabei zuckt Hund immer mit allen Körperteilen. Ich demnach vielleicht auch und zack, ist es geschehen. Kann vorkommen, wenn man auf Jagd ist.

Nun habe ich mir fiese Salbe besorgt, schmiere und bandagiere, lege das Bein fein ausgestreckt vor mich und halte innere Zwiesprache.
Und wenn es draußen noch ein paar Grad wärmer geworden ist, werde ich mir die Auflage auf den Liegestuhl legen, denn Sonnenstrahlen sind bekanntlich heilsam und werde dem Knie meine Liebe erklären. Dass es das beste Knie von allen ist. Und ich tiefe Gefühle empfinde für es.
Wenn ich in Tränen aufgelöst fertig bin, putze ich mir die Nase, nehme mein Buch und lese.
Dazu trinke ich noch Tee. Ein paar Kekse wird es auch geben, auf der Wiese, neben der großblättrigen Berberitze, in welcher sich die Bienen und Hummeln tummeln.
Hin und wieder werde ich ein Flugzeug vorbeifliegen sehen und hören. Ich werde einatmen und ausatmen.
Und ich werde nicht putzen, nicht kochen, nicht eilen, nicht knien, nicht Betten machen, nicht die Wäsche, nicht aufräumen, nicht rennen, nichts von all dem, was ich eigentlich geplant hatte.
Ich mache Regeneration.

Danke Knie. Das wird großartig.