Jeden Tag sehe ich sie, die Bäume im Wald. Ich laufe an ihnen vorbei und sie sind einfach da.
Es gibt Bäume, die sind sehr unauffällig. Und es gibt Bäume, die springen ins Bewusstsein.
Man bemerkt sie.
Sie machen das, was sie am allerbesten beherrschen, sie stehen.
Stehen wie ein Baum habe ich durchaus auch schon einige Male ausprobiert. Ich bin mir nicht sicher, ob es in meiner Chi Gong Phase dazu kam oder während meines Yogaexperiments.
Beim Chi Gong, daran erinnere ich mich genau, musste ich die Wolken zerteilen und den Mond tragen. Und bei Yoga machte meine Wirbelsäule sieben oder acht Bewegungen (dem setzte L5/S1 ein Ende). Aber wo machte ich den stehenden Baum? Egal, wichtig ist, dass stehen wie ein Baum nicht leicht ist. Im Gegenteil. Wenn ich stand wie ein Baum hatte das oft zur Folge, dass mein Blut, eigentlich wichtig im Kopf, sich spontan in die untere Körperhälfte begab und dort versackte. Man kennt das ja. Man bleibt irgendwo hängen und kommt nicht mehr hoch.
Dumm nur, so ein Kopf ohne Blut, denn damit gehen einige wichtigen Funktionen in die Knie. Stehen wie ein Baum war für mich demnach begleitet von Schwindel, Sehstörung und dem dringend Wunsch, mich hinzulegen. Ich wäre sicher kein besonders guter Baum geworden, eher so ein mit seinem Schicksal hadernder Jammerlappenbaum, dem es ewig nicht besonders gut ginge.
Beim stehen wie ein Baum habe ich mich auch jedes Mal in dem Moment, wenn der Auftrag dazu erging, spontan sofort gelangweilt. Seltsam, wo ich Bäumen doch so zugetan bin. Nur selbst einen zu spielen, empfand ich als extrem unspannend. Es mag sein, dass mir die emotionale und spirituelle Fähigkeit abging.
Gähnende Langeweile und körperliche Beschwerden entstehen also bei mir, wenn ich so tue, als sei ich ein Baum. Die Bäume können das deutlich besser, vermutlich, weil sie als Baum geboren wurden und somit ihre Bestimmung schon von Beginn an darin sehen, Baum zu sein und als solcher zu stehen.

StehenAnschauen tu ich mir die Bäume gern. Diese Versammlung im Vordergrund nenne ich gern „Die Drei“. Ich bin mir nicht sicher, ob es sich bei ihnen um eine religiöse Angelegenheit handelt, im Sinne der heiligen Dreifaltigkeit, oder ob eine Störung im Baum vorliegt, der sich daraufhin in drei verschiedene Persönlichkeiten entwickelte. Würde ich verstehen können, was der Baum dazu zu sagen hat, wäre ich möglicherweise enttäuscht, weil ich bemerken würde, nicht in der Lage zu sein, den tiefen und ehrwürdigen Empfindungen eines Baumes folgen zu können.
Es gibt aber auch Bäume, die sind sehr deulich in ihreren Aussagen, da reicht deren Körpersprache, um zu verstehen, was sie ausdrücken möchten.

Nix wie wegHier handelt es sich um einen Baum, der versucht, sich so weit wie es ihm möglich ist von seinem direkten Nachbarn zu entfernen. Es scheint fast, als würde er das lautschreiend tun wollen.
Dinofan

Es kann aber auch sein, dass der Baum ein großer Fan von Dinosauriergeschichten ist und sich aufgrund dieser inneren Verbundenheit beim Wachsen in einen Archaeopteryx verwandeln wollte.

Besonders mag ich die Bäume, die sich in tiefer Liebe einander zugewand haben.
LiebeleinSie umwachsen sich, berühren sich, stehen zusammen für lange Zeiten. Diese Bäume wissen, wie lang die Ewigkeit sein kann. Und trotzdem trauen sie sich, es zu zweit anzugehen. Und machmal entscheiden sie sich ein bisschen später, sich umarmen zu wollen.
Dann neigen sie sich zum anderen hin und begeben sich in seine Äste oder locken den anderen, der sie in die Äste nimmt.

anschmiegen

Wenn ich dann darüber nachdenke, wie lange ich schon mit dem Gutfrisierten durch das Leben gehe, wie lange wir nebeneinander sind, fühle ich mich doch fast wie ein Baum.
Manchmal weht ein recht heftiges Windchen durch unsere Äste und Blätter, es kann auch ein Sturm sein. Anschließend sehen wir zerzaust und zerrupft aus, aber wir stehen noch da. Bleiben.
Und langweilig ist das nicht.