Alleweile ich mich heute der Vernichtung von drei bis acht Muffins pro Stunde hingebe, lausche ich den unangenehmen Klängen aus dem Obergeschoss.
Irgendwelche Buben knattern irgendwelche Wörter aus ihren Hälsen. Ich höre kaum hin, denn ich bin mit Kauen sehr beschäftigt. Banane-weiße Schokolade-Muffins sind gerade beliebt in meinem Bauch. Sie sind weich, saftig, süß und ungeheuer tröstlich.
Viel tröstlicher als das Gejammer von dieser Hosenaufhalbmast-Fraktion.
Erst kürzlich überholte ich mit dem Wolkenköpfchen auf dem Beifahrersitz so einen Burschen, der sich dazu herabgelassen hatte, auf einem Fahrrad zu fahren. Dem Gesamtausdruck nach zu urteilen, war das zwar unter seiner würde, jedoch unvermeidlich.
Und während wir an ihm vorbeifuhren, sagte das Wolkenköpfchen: „Ach, da sieht man wieder einmal ein Unterhöschen.“
In der Tat, ein kariertes Unterhöschen hockte auf dem Sattel, die Darüberbekleidung hing woanders.
„Ich habe schon soviele Jungsunterhöschen gesehen, Mama. Warum muss das so sein?“
„Ich weiß es nicht, Tocher. Ich vermute, die Kerlchen zeigen einfach gern ihre Wäsche her.“
„Sehr peinlich, eigentlich. Kann man die nicht in die Hose reinschütteln?“

Nun habe ich so häufig das Bedürfnis, ein Kerlchen in seine Hose hineinzuschütteln. Wie früher. Wenn meine Buben ihre Strumpfhosen anzogen, nach dem Baden, aber die Baumwolle an noch feuchten kurzen Beinchen hängen blieb.
Dann hob ich sie am Bündchen hoch und schüttelte sie in die Strumpfbuxe hinein.
Wenn man das auf der Straße bei fremden Kerlchen machen täte, es gäbe sicher eine Anzeige wegen Belästigung, oder?
Aber den Unterhöschenanblick, den muss man hinnehmen.
Die Welt ist schwierig.

Aber eigentlich wollte ich ganz woanders entlang. Von den Muffins wollte ich zu der Tatsache kommen, dass ich vermutlich bald platze, weil ich viel esse, weil ich immer Hunger habe, weil ich Essen gerade für eine ganz tolle Sache halte. Die Beste.
Und meine Selbstdisziplin in Sachen zurückhaltender Gebrauch von hochkalorischen Lebensmitteln bei Null angekommen ist. Meinen Bauch ziert eine veritable Speckrolle. Früher, ja, damals, als ich noch eine essgestörte Pubertistin war, die bei gleicher Größe fünfundzwanzig Kilo weniger wog, da habe ich mich, wenn ich ehrlich bin, auch nicht besser gefühlt.
Da war ich dürr. Und klapprig. Hatte dauernd Kreislauf. Und Schwindel. Das war nicht schön. Aber ich hörte so oft: Bist du aber schlank.
Als wäre das etwas besonderes. Tolles.
Es war das einzige, was ich komplett kontrollieren konnte. Dünn zu sein. Der Rest des Lebens war doch sehr unsicher.
Im Grunde meiner Seele, tief drin, wäre ich gern immer noch so schlank. Aber weil ich mich nicht mehr so scheiße fühlen möchte, geht das natürlich nicht. Der Speck macht mich stabiler. In jeder Hinsicht.
Dann sehe ich all diese ranken und schlanken Wesen auf der Welt und fühle mich wie eine Trommel. Die dicke Trumm, wie man im Rheinland sagt. Auf die haut man mit dicken Puschelschlägern und die hat ordentlich Wumms. So fühle ich mich. Wenn ich darüber nachdenke. Wenn ich nicht darüber nachdenke, dann fühle ich mich normal. Und wenn ich mir nicht diese Gerten in Zeitschriften ansehe. Und im Fernsehen. Und überhaupt.
Diese straffe Haut. Diese makellosen Körper, weich, geschmeidig, beweglich. Da wird beim Yoga der Kopf erst unter dem Arm durch dann von hinten zwischen die Beine über den Fuß gebracht und dabei mit einem Nasenloch geatmet.
Oder es wird formvollendet der Körper in Positur gebracht um sich dem Liebesspiel hinzugeben.
Aber ach, Speckrolle. Dellen. Haare. Hühnerhaut.
Leider habe ich in meinem Hirn kein Photoshop. Ich kann mich selbst nicht schön verarschen. Der Blick in den Spiegle zeigt nackte Wahrheiten. Und die sind nicht mehr, was sie einmal waren.
Sehr schön zu diesem Thema hat es auch Frau Haessy gesagt.

Ach, was soll es denn. Her mit dem nächsten Muffin.
Die Konzentration wird jetzt auf dieses warme Gefühl im Mund gerichtet, die Freude über die Süße, das Glück des Völlegefühls.
Wenn ich morgen tot bin und mir vorher den Muffin verkniffen habe, was habe ich dann gewonnen?