Was waren das noch Zeiten, als Kinder, die auf Klassenfahrten waren, auch wirklich weg waren. Da hat man dann tagelang nichts gehört, wusste von nichts und konnte sich entspannen.
In den digitalen Zeiten ist das alles anders.
Da bekommt man jeden Abend eine Mail vom begleitenden Lehrkörper, was so gewesen ist.
Die Waschräume wurden in einen desaströsen Zustand versetzt, die Zimmer ebenfalls, die Kinderchen machen die Nacht zum Tage, sie benutzen Kampfgasdeospray, wodurch es zur Belastung von Atemwegen kam und leider mussten auch schon einige nach Hause transportiert werden, da sie sich bei akkrobatischen Übungen am Etagenbett jeweils einen Arm brachen.

Ja, das möchte ich doch gar nicht wissen!
Das Wolkenköpfchen ist für zehn Tage mit den Kollegen im Waldeinsatz und ich will das nicht wissen, was die dort machen. Ich bin doch froh, mal eine Pause zu haben, da werde ich stattdessen mit diesen Mails konfrontiert und wenn das Mädchen heimkommt, braucht sie mir auch nichts mehr zu erzählen, ich weiß dann schon alles. Das ist vollkommen beknackt.
Wie hätte sie mir schön mit Spannungsbogen und Humor die Geschichte vom Etagenbett erzählen können. Und ich hätte gespannt neben ihr gesessen und gewartet, was wohl als nächstes geschehen sein mag.
Aber nein, digitales Dankeschön, komplett verdorben, die Sache.

Jetzt versuche ich, die Mails nicht mehr zu lesen. Das ist nicht ganz so einfach, denn mein dritter Vorname ist Neugierig. Wenn ich eine Mail bekomme, diese nicht zu lesen ist für mich fast ein Ding der Unmöglichkeit. Aber ich versuche es. Ich kann meine Neugier bezwingen. Ich bin der Herr über mein Wollen und Sein. Ich bin nicht diesem Trieb ausgeliefert. Wenn ich nicht will, dann muss ich nicht. Es interessiert mich nicht, was in der Mail steht. Es ist mir egal. Es ist mir egal. Es ist mir egal……ommmm….egal!

Klappt. Doch, ja, es klappt. Ich muss da nicht reinschauen. Ich habe meine Neugier gezähmt, seht Ihr? Ich bin in der Lage, auch mit schwierigen Situationen angemessen umzugehen. Ich muss das nicht lesen. Moment, es klingelt, ich muss eben an die Tür.

Pause

Das ist ja wieder klar, war gar nicht für mich sondern ein Päckchen für die Nachbarin. Ich bin hier die Poststation, bei mir wird alles abgegeben oder hinter das Haus gestellt. Mindestens zweimal in der Woche habe ich hier anderer Leuts Pakete im Flur herumstehen. Und? Ich weiß immer nicht, was drin ist. Was für eine Scheiße, dann schleiche ich um die Pakerl herum und rüttel ein bisschen, schüttel ein bisschen, lese, wer es geschickt hat, aber ich darf die nicht aufmachen. Nein, darf ich nicht, Postgeheimnis. Sind ja nicht für mich.
Jetzt steht schon wieder so ein Ding herum und ich darf dauernd daran vorbeilaufen und mich fragen: Was hat sie sich jetzt schon wieder schicken lassen? Klamotten? Was für die Küche? Bücher? Nein, keine Bücher, zu leicht. Und relativ klein. Vielleicht ein T-Shirt. Und dann kann ich nicht einmal fragen, was denn drin ist, wenn es abgeholt wird vom Empfänger. Meistens muss ich sogar ein Kind mit dem Paket losschicken, weil es nicht abgeholt wird, da keine Benachrichtigung über den Verbleib des Pakets geschrieben wurde. Ich könnte das Paket natürlich selbst wegbringen und unauffällig fragen, was denn hier so lange bei mir rumstehen durfte. Aber das wirkt schrecklich neugierig, oder?
Ich meine, ich bin zwar neugierig, aber das soll doch keiner wissen.
Ich liebe es, wenn gesagt wir: „Ach, da ist er ja, der Kaffee!!!“
Meine Neugier verpufft in Sekundenschnelle und alles ist gut.
Oder: „Auf den Pullover warte ich schon eine Woche!“
Wunderbar. Aber einfach nur „Danke“ sagen und das war es dann, das macht mich fertig.

Schnippnasigkeit ist genetisch, glaube ich. Mein Vater ist zum Beispiel auch eine ausgemachte Schnippnase. Er tut zwar immer so, als wäre ihm das alles wurscht und er würde nicht einmal das Wort Neugier kennen, aber das stimmt nicht. Mehr oder weniger subtil versucht er immer, die Sachen, die er neugierig wissen will, auch herauszubekommen.
Und ich habe das auch an zwei meiner Kinder weiter gegeben. Nur Fürst Griku, der hat keine Ahnung, was Neugier bedeutet. Wirklich. Der ist der Meister des Istmirwurschtegal.
Schlimm sind auch die Momente, wo man etwas verschenken möchte und dieses Geschenk schon Tage vorher hat. Dann ist man so neugierig auf die Reaktion des zu Beschenkenden, da kann ich kaum an mich halten. Davon gibt es einige in der Familie. Meine Schwester ist auch so ein Wesen. „Soll ich dir sagen, was ich Dir schenke? Ich will es Dir so gern sagen!!!“
Der Gutfrisierte kennt Neugier nicht. Seine Mutter schon, er gar nicht. Seltsame Sache.
Zur Neugier kommt dann das Phänomen des Verfispelns. Verfispeln tut man, wenn Neugier nicht befriedigt wird. Das bedeutet, diese Gefühl von innerer Unruhe und Ungeduld nimmt sehr unangenehme Ausmaße an und man verfispelt.
Vor Neugier verfispeln ist die Höchststrafe, wirklich.

Ich habe jetzt keine Zeit mehr. Ich gehe mal schauen, ob die Nachbarin jetzt da ist und ihr Paket entgegennehmen kann und dann muss ich noch meine Mails …ähm… checken nicht öffnen.