Selbst wenn man mich für ein merkwürdiges Wesen halten sollte, trotzdem erzähle ich Euch, womit ich mir den Mittag vertreibe.
Nicht jeden Mittag, nur kürzlich einen Mittag.
Das kam so:
Am Karfreitag ist wieder Schmettern angesagt. Also singen. Und da wartet ein Gesangsstück, dass mir ein bisschen Kopfzerbrechen bereitet, weil es eigentlich für Knabensoprane geschrieben wurde. Nun gibt es im Chor keinen einzigen Knaben, nur einige brummelnde Herren, die mitunter schwer an der Basslinie kauen und mehrere Frauen, die nun versuchen, den Sopran auf die Reihe zu kriegen.
Das ist, vor allem, wenn man sich tendenziell eher im Alt tummelt, relativ anspruchsvoll, die Stimme zum E hinaufzuschrauben. Weil auch die Einsätze nicht ganz unproblematisch sind, höre ich mir das gern im Internet an. Dafür gibt es das ja wohl. Und als ich dem Knaben so lauschte und dachte, bis Karfreitag kriege ich sicher noch einen Flug nach Mexiko oder ins Sauerland, tippte mein Finger auf den nächsten Youtube-Clip. Es stand ein kompletter Knabenchor vor Publikum. Im Sakko und mit Krawatte standen sie da und sangen engelsgleich. So eine entzückende Ansammlung von uncoolen Jungs habe ich selten gesehen. Herrliche Brillen, wunderbare Frisuren, mit einem Ernst und einer Andacht beim Gesang, fern ab von Ballerspielen, Bier und Girlies.

Ganz spontan entsprang meiner Brust der dringende Wunsch, ich hätte meine Buben in den Domchor geschickt. Dort hätten sie mit ihren netten Stimmchen, die sie leider seit Jahren schon nicht mehr musikalisch erklingen lassen, sicher die Zuhörer zu Tränen gerührt. Und sie hätten Topfschnitt, Schlips und einen naiven Gesichtsausdruck getragen. Zu Geige und Klavier hätten sie tiriliert, kontemplativ tiefsinnige Worte in klaren Gesängen in die Welt geschickt und wären sicher…
… ja, vielleicht wären sie ausgelacht worden.
Aber, na und? Uncoole Jungs finde ich so toll. Die mag ich extrem gern. Ich habe immerhin einen geheiratet (Ohherrjeh, darf ich das sagen? Nein, oder? Dabei wollte er doch immer einer von den Coolen sein und hat bei seinen frühen Bühnenauftritten seine Gitarre geworfen, wie einstmals Pete Townshend, nur ein bisschen vorsichtiger, damit die geheiligte Gibson keinen Kratzer bekam. Bei heutigen Auftritten sterben seine Kinder fast vor Peinlichkeit, dass der Vater auf der Bühne steht und musiziert und dabei rhythmisch den Körper wackeln lässt.).

Also, es gibt nichts Cooleres als uncoole Jungs, die in Chören singen. Ich liebe sie und würde sie am Liebsten sofort alle adoptieren, diese niedlichen Kerlchen mit den unglaublichen Stimmen.

Beim Weiterklicken allerdings geriet ich in eine Katholenmesse, bei der Sachen an die Wand geschmiert und der Altar eingeölt wurde, vom Papst höchstselbst. Dem anderen Papst. Der mit den roten Galloschen. Der Benedetto.
Und drumherum tummelten sich Unmengen von anderen alten Männern. Dick und unsympathisch kamen sie rüber. Humorlos und von der eigenen Wichtigkeit berauscht. Und vor ihnen stand dieser kleine Bengel und sang so schön und ich dachte sofort, oha, dachte ich, da würde ich doch so ein niedliches Kerlchen nicht hinlassen, zu diesen seltsamen Gestalten. Zu gefährlich, viel zu gefährlich.
Vermutlich ist es besser, dass ich damals nicht auf die Idee gekommen bin. Wer weiß, was passiert wäre.

Meinen Mittag habe ich weiter mit dem Lauschen verbracht und war ganz ergriffen von dieser Klarheit der Stimmen. Dann kam Killerdog rein und fragte mich, ob ich eigentlich noch ganz beisammen sei, mir den ganzen Mittag so einen Mist anzuhören. Meine Versuche, ihn von der Schönheit zu überzeugen, liefen ins Nichts und er hatte nur eine Vielzahl unangebrachter Kommentare für mich.
Ich bat ihn, einmal für mich zu singen. Ein einziges Mal nur noch und dann würde ich auf ewig stille sein und ihn nie wieder damit belästigen.
Er hat es gemacht, für mich. Es war wunderschön. Er hat ziemlich grottig gesungen und kommt nicht hoch und klar ist auch anders. Aber er hat für mich gesungen. Kurz.
Sieht so aus, er gehöre doch zu den wundervollen, uncoolen Burschen.

(Triliii)