Im Garten auf einer Liege herum zu lungern, was kann es Schöneres geben?
Ganz genau, nicht sehr viel. Darum habe ich das gemacht. Erst war ich im Wald und habe dort nach dem Rechten geschaut. Soweit ist alles in Ordnung, natürlich begegnen einem wieder einmal Fundstücke. Das lässt mich mitunter nachdenklich zurück. Wer verliert Sachen im Wald? Ich wohne nun schon recht lange hier und laufe täglich zwischen den Bäumen umher, habe aber noch nie, wirklich noch niemals irgendetwas im Wald verloren, dafür aber unglaublich viel gefunden.

Anfang vergangener Woche zum Beispiel, ging ich früh um kurz vor acht mit dem Wuffele in den Wald und fand direkt am Waldanfang einen Einkaufszettel Er war recht groß und es stand viel darauf. Ich bückte mich, um zu schauen, was andere Leute für Besorgungen machen. Unter dem Papier schien noch etwas zu liegen. Und richtig, es war eine Brieftasche. Ich hob sie auf, blickte mich um und sah keine Menschenseele.
Im Grunde war ich hin und hergerissen zwischen Freude und Enttäuschung. Freude, weil ich schon immer hoffe, einmal etwas richtig Tolles im Wald zu finden. Enttäuschung, weil ich doch eher an ein Baby oder eine Leiche gedacht hatte. Aber eine Brieftasche ist ja auch nicht schlecht. Ich klappte sie auf und warf einen Blick hinein. Und siehe da, ich konnte sofort anfangen, darüber nachzudenken, wer mit zweihundertfünfzig Euro in den Wald geht. Und warum.
Da gibt es doch nichts zu kaufen. So viel Geld.

Ich drehte eine kleine Hunderunde und ging nach Hause. Dort schaute ich einmal durch die Brieftasche und fand den Ausweis. Mit der Adresse besorgte ich mir die Telefonnummer. Was ist das Internet doch für eine tolle Sache. Dann rief ich an und machte einer älteren Frau eine große Freude mit der Nachricht, ihre Brieftasche gefunden zu haben. Sie kam auch direkt vorbei und holte sie zu sich.
Da sie wie der geölte Blitz kam und auch wieder verschwand, hatte ich leider nicht einmal die Zeit, sie nach dem Einkaufsplan im Wald zu fragen, darum sprießen jetzt meine obskuren Gedanken, was dieses Geld auf dem Waldspaziergang zu bedeuten hat und warum sie auf ihrem Einkaufszettel fünf Kilo Nudeln stehen hat.

Heute früh ging ich meinen Lieblingsweg entlang, ganz lässig und entspannt, nichts eilte mich, nichts plagte mich. Als ich zu meiner Vortragsecke kam, murmelte mein Publikum bereits und an meinem Vortragsbaumstumpf angekommen, fand ich das:

KäppiEin Käppi, verloren im Wald, einsam und allein, aufgebahrt auf meinem Redestumpf.
Mit spitzen Fingern hob ich die Blötschkapp hoch, schaute sie genauer an und befand sie für nicht attraktiv genug, mitzukommen. Von innen ist sie ziemlich verspeckt und verpeekt. Ich hängte sie auf Augenhöhe an einen Ast und hoffe, der Besitzer findet sie noch und hat sie nicht längst abgeschrieben und sich einer neuen Kopfbedeckung zugewandt. Das hätte sie nicht verdient. So wie sie aussieht, hat sie lange Jahre intensiv als Mütze gedient. Da darf man doch nicht einfach aufgeben und sie ihrem Schicksal überlassen. Finde ich.
(Nein, sicher nicht das vom Rotkäppchen, es ist nicht rot. Und Rotkäppchen hätte sein rotes Käppchen auch nicht im Wald verbummelt.)

Bei Haargummis bin ich nicht so sentimental.
HaarschmuckVor allem, wenn sie aussehen, als wären sie Teil eines Zebras auf LSD.
Solche Teile lassen mich emotionslos, ohne Probleme kann ich Tage und Wochen immer wieder an ihnen vorbeigehen, ohne dass sie mich auch nur zu einem weiteren Gedanken inspirieren.
Dieses olle Ding hängt jetzt schon seit Februar faul am Baum.
Und hängt. Und hängt.
Mal sehen, ob irgendwann eine Metamorphose oder die Verwesung einsetz.

Nach dem Wald lockte mich das schöne Wetterchen in den Garten und, wie eingangs erwähnt, lümmelte ich mich mit Genuss im Gartenstuhl, bevor es jetzt am nahenden Nachmittag von hinten links langsam zuzieht.

Und wie ich da so herumgammelte, hatte ich die wunderbare Gelegenheit, der kleinen Raupe Nimmersatt zuzusehen, wie sie sich auf meiner Hose abarbeitete und auf die Suche nach einem Lolli, einer Wurst, einem Stück Kuchen, einer , einer sauren Gurke, Käse und Melone macht, auf dass sie Bauchweh bekommt und sich dann bald verpuppt.

RaupeaufihremWeg

 

Ich habe sie ein bisschen unterstützt und ihr ins Gebüsch geholfen. Eine Hose ist kein guter Aufenthaltsort für eine kleine Raupe. Auch wenn mein Knie noch so schön rund und weich ist.

Jetzt lese ich mein Buch auf dem Sofa fertig und freue mich, dass ich es mittlerweile wieder so gut schaffe, Bücher zu lesen.
Endlich, möchte ich sagen, ist meine Konzentrationsfähigkeit wieder einigermaßen angemessen und nicht mehr flattrig und unstet.
Wenn jemand in nächster Zeit etwas berührendes, tragisches, mitreißendes und wunderbar geschriebenes lesen möchte, dann „Das Mädchen“ von Angelika Klüssendorf.
Ich bin nun abgemeldet für die nächsten Stunden.