Um sechs Uhr und dreißig Minuten klingelt hier im Hause der Wecker mit einem unangenehmen Ton.
Dieses typische „Düdüdüdüdd! Düdüdüdüdd!“ schraubt sich in einem Crescendo ins schlafende Ohr. Und nach einmaligem snoozen springe ich aus dem Bett und begrüße freudig den neuen Tag.
Auf meinem Weg in das eins Komma fünf Quadratmeter große Badezimmer orientiere ich mich. Ich nenne mir kurz meinen Namen, meine Adresse und meine Telefonnummer. Meistens klappt das sehr gut und ich putze mir erleichtert die Zähne. Anschließend drehe ich meine Tour durch das Haus. Eine kurze persönliche Ansprache mit dem dringenden Hinweis auf den Tagesbeginn findet in jedem Zimmer statt. Allgemeines Grunzen zeigt ein unterschwelliges Interesse.
Es beginnen die Erweckungsfestspiele.

Von Montag und Dienstag will ich Euch erzählen.

Der Montag:

Um sieben Uhr und siebenundzwanzig Minuten sitze ich am Küchentisch, den Kopf auf die Hände gelegt und atme ein. Dann atme ich aus. Dann hebe ich den Kopf und starre kurz aus dem Fenster. Anschließend gieße ich einen Schluck Tee in meinen Mund, der sich recht verfranselt anfühlt. Der Blick auf die Uhr ermahnt mich, der Stille im Obergeschoss nachzugehen.

„HAAAALLLLOOOO! Jemand WACH????“ blöke ich durch das Treppenhaus.
Nichts. Ruhe. Stille. Dann, ganz leise aus dem Badezimmer: „Jadoch, meine Güte….“
„DER ANDERE AUCH WACH?“
Stille. Stille. Ich höre mein eigenes Atmen.
„HAAALLLOOO! GRIIIIIIKUUUUUUU! WACH???“
Es ertönt ein leichtes Jammern.
„DU HAST FÜNF MINUTEN, KOMM` AUS DEM QUARK!“

Ich gehe mir eine Hose anziehen, die ich nicht die ganze Nacht getragen habe und in der ich im Wald relativ unauffällig bleibe.
Um sieben Uhr und fünfunddreißig Minuten stelle ich mich für eine weitere Runde von „Schrei` einmal mit Ohrenqual!“ in den Flur.
„WIR MÜSSEN LOHOOOOS!“
Fast ist es ein Zwitschern. Aber nur fast.
„Komme!“, tönt es aus Killerdog und da kommt er auch schon die Treppe heruntergeschossen, fein rausgeputzt, wohlduftend, das Haar tuffig in Föhnwelle onduliert.
Von weit oben ertönt weiteres Gejammer.
„GRIKUUUU, KOMMST DU??“
„Manno, Mama, ich schaffe das nicht. Es ist doch schon so spät, ich kriege das nicht mehr hin. Meine Haare, die gehen gar nicht. Ich kann nicht…, echt mal.“
Eine Explosion und drei Peitschenknaller später steht etwas zerknüddeltes im Bad und führt eine schnelle Grundreinigung durch. Dabei jammert es in einem durch, das alles sei doch Scheiße und überhaupt und er wolle nicht und könne doch erst später… blablablaaaa.
Um sieben Uhr und dreiundfünfzig Minuten sitzen alle im Auto und es ist klar, alle werden zu spät sein.

Der Dienstag:

Um sieben Uhr und siebenundzwanzig Minuten sitze ich am Küchentisch, den Kopf auf die Hände gelegt und atme ein. Dann atme ich aus. Dann hebe ich den Kopf und starre kurz aus dem Fenster. Anschließend gieße ich einen Schluck Tee in meinen Mund, der sich recht verfranselt anfühlt. Der Blick auf die Uhr ermahnt mich, der Stille im Obergeschoss nachzugehen.

„HALLO? HALLLOOOOOO?“
Von ganz oben ertönt ein rumpliges „Jahaaa, ich bin schon wach…“
Na, das ist ja erfreulich. „KILLERDOG?“ Schweigen. „HAAALLLOOOO, KILLER?!“
„KREISCHIKREISCH!“ ertönt es aus dem killerdogschen Revier und man hört ein lautes Poltern und ein Krachen. „OOOOH, SCHEIßEEEEE!“
Ich denke so vor mich hin, wie prima ich das finde, dass hier alle so entspannt schlafen können. Diese Ruhe und Gelassenheit, die an den Tag gelegt wird, beim Schlaf nach sieben Uhr in der Früh. Extrem relaxed, wie der Portugiese sagt.

Ich gehe mir eine Hose anziehen und versuche, die wunderbare Wärme der Pyjamahose nicht allzu sehr zu vermissen.
Die Jeans ist hart, das Leben ist härter.
Um sieben Uhr und siebenunddreißig Minuten stehe ich im Flur und rufe: „Wir müssen LOOOHOOOOS!“
Neben mir macht es wuschschschsch…. und Killerdog materialisiert sich auf der untersten Treppenstufe. Geföhnt, geschniegelt, gestriegelt.
Er springt in die Schuhe mit dem Kommentar: „Das war knapp. Duschrekord!“

Um sieben Uhr und einundvierzig Minuten sitzen alle im Auto, Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige. Mit der Klingel geht die Belegschaft in die Schule hinein.

Was sagt uns das?
Zwei Menschen aus dem selben Bauch sind nicht die selben Menschen. Zwei Menschen mit den selben Eltern sind nicht die selben Menschen. Zwei Menschen in der selben Umgebung sind nicht die selben Menschen.
Was hiermit bewiesen ist.

Und sie müssen sich nicht einmal gleichen.