Wenn mich jemand fragt: „Und? Was machst du beruflich?“, bekomme ich in sekundenschnelle miese Laune. Es ist jedesmal das Gleiche. Ich schaue den Fragesteller an wie eine Kuh wenn es donnert und weiß nicht, was ich dazu sagen soll.
Ich atme dann ein paar Atemzüge sehr bewusst. Erst durch das linke, dann durch das rechte Nasenloch, das habe ich beim Yoga gelernt. Als ich einmal Yoga machte. Nachdem ich Chi Gong gemacht hatte. Bevor ich zur Physiotherapie ging.

Ich stehe morgens früh auf und mache die Erweckung. Und anschließend das Frühstück. Zwischendurch spüle ich die Reste des gestrigen Abends weg, die der Küchendienst übersehen hat. Wie man allerdings eine dreckige Pfanne übersehen kann, das soll mir einmal jemand erklären. Ich koche also Tee, mache Milch war, verteile Tassen, was man eben macht. Hin und wieder, wenn mich ein heftiger Anfall von mütterlichem Verantwortungsbewusstsein überkommt, schneide ich schon um sieben Uhr Apfelschnitze, schäle Orangen oder mache Melonenkugeln.
Um zwanzig vor acht beginnt die fröhliche Fahrt ins Ungewisse. In mir selbst ruhend fahre ich eine Horde Kinder (der Van ist voll bis unter das Dach) zu ihrer Arbeit. All die Ausrufe „Scheiße, ich habe mein Sportzeug vergessen! Scheiße, ich schreibe heute Englisch! Scheiße, ich habe die Hausaufgaben nicht! Scheiße, hast du Geld bei? Ich habe neun Stunden und brauche einen Döner!“ lasse ich an mir vorbeiklingen, ohne sie weiter zu beachten.
Auf dem Rückweg fahre ich noch am Laden vorbei, besorge Lebensmittel, die schneller weggefressen sind, als ich sie herankarren kann. Auch Hundefutter. Und Getränke. Vergiss das Klopapier nicht, das ist sehr beliebt und schnell verbraucht. Um halb zehn komme ich wieder zuhause an, verräume das gekaufte Zeug in Kühlschrank, Vorratsschrank und Badezimmerschrank, wobei ich mich mittlerweile aus gesundheitlichen Gründen weigere, die Glaswasserkästen (die Burschen wollen keine PET-flascheninduzierten Brüste, darum Glas) in den Keller zu wuchten, darum lasse ich diese im Hausflur stehen und stolpere im Verlauf der nächsten zwei Tage stündlich darüber. Ab fünfzehn Uhr gekoppelt mit einem Schreiausbruch: „KÄSTEN IN DER KELLER JETZT!!“.
Dann gehe ich mit dem Hund um den Pudding. Der Hund braucht viel um den Pudding, ist nämlich ein sehr bewegungsfreudiger Hund. Ein und eine halbe Stunde später bin ich wieder zuhause. Häufiger dusche ich dann den Hund, weil Wildschweinscheiße im Haus kein guter Geruch ist.
Anschließend kommt eine gründliche Reinigung des Badezimmers.
Wenn alle Spuren des Duschmassakers beseitigt sind und auch Waschbecken und Klo in neuem Glanz erstrahlen, schiebe ich den Sauger durch die Hütte, um dem Hundehaareproblem beizukommen. Auch die Granulatstreusel vom Kunstrasenplatz wollen weggesaugt werden.
Dann noch ein bisschen Bettdecke schütteln, eine Maschine Wäsche anstellen, eine Maschine Wäsche abhängen, falten und auf der Treppe platzieren, damit ich später acht Mal rufen kann: „RÄUMT DIE WÄSCHE WEG!!“.
Und dann ist es auch schon wieder Zeit, zur Schule zu fahren und die Mitbewohner abzuholen. Nicht alle, aber immer das Jüngste, denn eine Stunde und vierzig Minuten für den Heimweg im Vergleich zu vierzig Minuten Autofahrt für mich, wo ich eben keine Hausaufgaben zu machen habe und anschließend zum Tanz zu müssen, finde ich machbar.
Um kurz nach zwei trifft sich dann eine kleine Gruppe Menschen in der Küche. Hier gibt es Brot, Joghurt, Quark, Obst, die Mittagssnacks. Da ist jeder seines Glückes Schmied.
Dies ist der Moment der Konfliktbewältigung. Alle schwelenden Grabenkämpfe brechen auf und benötigen einen guten Mediator. Gemeinsam werden schwierige Themen bearbeitet und Problemlösungen gesucht, sowie Krisenbewältigungsstrategien erarbeitet.
Dann beginnt die Hausaufgabenbetreuung. In Deutsch bin ich sehr gut, ich mach eine formvollendete Inhaltsangabe. Im Kopf. Sagen tue ich: „Mache es bitte erst einmal selbst, ich helfe dir bei der Korrektur.“ und ertrage das anschließende Gejammer.
Das Berechnen von Funktionen habe ich schon wieder vergessen. Vor neunzehn Jahren konnte ich das aber richtig gut. Natürlich könnte ich mir das in Ruhe anschauen, aber mein Kopf fühlt sich an wie ein Wespenschwarm, da passt kein F vom X mehr rein. Tut mir leid.
Eglish, the worldlanguage, let`s do the passiv and this in conditional two. Or was it three? Sausage!

Das Klo läuft nicht ab. Mittlerweile kann ich dieses Problem in zwei Minuten lösen.
Ich hänge die Wäsche auf. Der bewegungsfreudige Hund muss raus. Im Umkreis von drei Kilometern ist kein anderer, der gehen kann.
Zurückgekommen, kann ich gleich schon wieder los, ein paar Balletthühnchen einsammeln und zum Tanzen bringen.
Wieder zuhause angekommen, suche ich mir die Lebensmittel zusammen und beginne, ein schmackhaftes, gesundes, ausgewogenes Abendmahl zuzubereiten. Um ungefähr achtzehn Uhr kommt die Frage, ob es genug regnet, um zum Fußballtraining gefahren zu werden. Die Antwort lautet: „NEIN!“.
Nur Sekunden danach kommt der Gutfrisierte zur Tür herein und wird vom Hund glücklich begrüßt, denn es gibt Futter, wenn dieser Mensch reinkommt. Ich verlasse sogleich das Haus, um die Balletthühnchen wieder in die entsprechenden Heime zu sortieren.
Um sieben Uhr, ungefähr, plus minus eine Stunde, gibt es Abendessen. Wobei nicht alle daran teilnehmen, weil manche Mitbewohner darauf bestehen, mit Erreichen der Volljährigkeit einen anderen Essensrhythmus entwickelt zu haben und darum lieber später eine Mikrowellencurrywurst zu essen. Ich brülle nicht. Ich sage nichts. Ich zucke nicht einmal mehr mit den Schultern. Lustig wird es, wenn er merkt, es ist keine da. Dann isst er eben doch Abendessen, schön kalt, denn dafür lohnt sich der Weg in den Keller zur Mikrowelle nicht.

Mittlerweile ist es nach acht, es gießt draußen wie die Sau und ich bekomme einen Anruf, ob es jetzt genug regnet, um vom Kunstrasenplatz abgeholt zu werden.
Anschließend mache ich eine Portion Abendessen warm, denn es ist schon blöd, wenn die Trainingszeiten so wenig in den Familienplan passen. Da kann ja das Kind nichts für. Er wärmt sich unter der heißen Dusche auf und wäscht sich das Granulat aus der Poritze, danach genießt er die Nudeln. Aber bitte keinen Salat, davon schrumpft der Bizeps.

Um neun Uhr liege ich ermattet auf dem Bett und starre auf die Flimmerkiste.
Weil mich das Gezeigte nicht interessiert, wandern meine Gedanken. Ich bemerke einen Anflug von schlechtem Gewissen. Das kann so nicht weitergehen, mein Leben. Wirklich. Ich werde immer trauriger und deprimierter. Ich muss etwas ändern. Ich muss endlich einmal arbeiten!
Das ist doch nichts, so ganz ohne Arbeit. Wirklich. Ich muss dringend einen Job haben und Geld verdienen.
Damit ich, wenn mich jemand fragt: „Und? Was machst du beruflich?“ sagen kann: „Ich arbeite jeden Tag acht Stunden im Büro, total anstrengend, aber massig Kohle und nette Kollegen.“

Weil, ich bin ja arbeitslos.