Eine Woche Ferien und ich musste heute meinen Fluchttendenzen nachgeben.
Ich musste weglaufen.
Ich habe meine ersten Weglauferfahrungen im Alter von sieben Jahren gemacht. Da bin ich von zuhause abgehauen, weil ich irgendetwas nicht bekommen habe. Bedauerlicherweise habe ich nicht einmal mehr den Hauch einer Ahnung, was ich damals nicht bekam, aber ich bin mir sehr sicher, dass es nicht in Ordnung war, wie ich behandelt wurde und meine Flucht sicher gerechtfertigt war.
Ich bin mit extrem leichtem Gepäck aufgebrochen, außer meinem Fahrrad und meiner Kleidung hatte ich nichts weiter dabei. Auf dem Spielplatz, der an meiner Fluchtroute lag, traf ich meine Freundin Petra, mit der ich erst einmal eine Runde schaukelte. Dann wippten wir. Anschließend kletterten wir auf dem Klettergerüst herum und schaukelten später wieder. Wenn man sehr hoch schaukelte, konnte man mit den Fußspitzen über die Wipfel der Pappeln kommen.
Dann musste meine Freundin nach Hause, denn es war Essenszeit. Über all das Geschaukel, Gewippe und Gespiele hatte ich vergessen, dass ich weggelaufen war und fuhr auch nach Hause. Dort hatte bis dahin keiner bemerkt, dass ich gegangen war. Ich erwähnte es nicht weiter.

Ein anderes mal war meine Flucht ein bisschen spektakulärer, bin ich im späten Herbst, nach einer hitzigen Diskussion mit nicht mehr ganz nüchternen sortierten Eltern verzweifelt aus dem Haus geflohen, ohne Jacke und ohne Schuhe. Aber das war eine ganz andere Geschichte.

Heute, heute hatte ich einfach den Hüttenkoller.
Und weil ich wegen des Hüttenkollers eine große Menge Stresshormone bei der Flutung meines Körpers beobachten konnte und sofort deren ungesunde Wirkung spürte, dachte ich mir, besser, ich gehe.
Mein Gehirn fing nämlich schon an, den familiären Amoklauf zu planen. Und das wäre mir peinlich, wenn man irgendwann über mich in der Zeitung lesen würde, weil ich meine Aggressionen nicht in den Griff bekomme.
Da ist es doch viel besser, wenn ich mir festes Schuhwerk an die Füße schnalle, mir den Hund schnappe und dann erst in sehr flottem, später in angemessenem Tempo durch den Wald laufe und dabei Flüche und Verwünschungen übe.
Ich hielt meinem Publikum auch einen mitunter ausufernden Vortrag über die Undankbarkeit der Welt und der Kinder im Besondern, der relativ begeistert aufgenommen wurde. Hatte ich zumindest den Eindruck.

Just in dem Moment, als meine Stimmung ins Larmoyante kippen wollte, schrieb mir meine Schwester eine kurze Nachricht, sie säße an der Ostsee mit einem Krabbenbrötchen in der Hand. Ich schloss meine Augen und mit einer kleinen Selbsthypnose wechselte ich den Ort, die Zeit, das Leben. Und schon befand ich mich bei einem Erholungsurlaub an der See. Ich saß auf einem bequemen Liegestuhl, über meine Beine eine weiche, weiße Wolldecke gebreitet, auf dem zierlichen Tisch neben mir eine Kanne und eine Tasse mit süßem Tee. Daneben stand ein Teller mit zartem Gebäck.
Ich hatte mein spannendes Buch auf meinem Schoß abgelegt und nur kurz die Augen für eine kurze Weile geschlossen, als ich bemerkte, dass ein Schatten auf mich gefallen war. Ich schaute auf und blickte in das Gesicht eines fremden Mannes, der mich freundlich anlächelte.
Er trug einen hellen Leinenanzug und hatte seine Schuhe in der Hand. Die Hosenbeine waren hochgekrempelten und ließen einen Blick auf recht stramme Waden zu. Die für einen Mann recht hübschen Füße waren mit Sand bedeckt und die Krempel der Hose feucht vom Meereswasser.
„Entschuldigen Sie die Störung, meine werte Dame…“ ,sagte er und nickte mir zu.
„Ja bitte?“, fragte ich ihn.
„Ich habe Sie schon seit einigen Tagen hier im Ort bemerkt, wir scheinen im gleichen Hotel untergekommen zu sein, denn auch heute Morgen sah ich sie schon, als Sie zum Frühstück herunterkamen. Die ganze Zeit, hoffte ich, dass auch Sie mich einmal bemerken würden. Jedoch scheinen Sie so in Ihren Gedanken gefangen, dass Sie wohl nicht in der Lage sind, solch einen unbedeutenden Menschen wie mich auch nur am Rande wahrzunehmen.
Nach einiger Zeit der Überlegung habe ich mir nun ein Herz gefasst und gewagt, Sie anzusprechen.“
Er schaute mich mit scheuem Blick an und ich ließ ein winziges Lächeln über meine Lippen gleiten. Dies war ihm Ermunterung, weiterzusprechen.
„Darf ich Sie vielleicht am heutigen Abend, nach der Abendspeise zu einem kleinen Spaziergang auf der Promenade einladen? Heute Abend ist dort ein kleiner Jahrmarkt aufgebaut und es soll einige Vergnügungen und Belustigungen geben. Und später dann ein Feuerwerk.
Hätten Sie Lust, mich zu begleiten?“
Ich sah ihm an, was für eine Überwindung es ihn kostete, wieviel Mut er zusammensuchen musste, mich darum zu bitten, gemeinsam mit ihm am Abend zu Lustwandeln. Ich betrachtete ihn genauer. Er war von einem ansprechenden Äußeren und schien auch nicht an finanzieller Not zu leiden. Ein leicht melancholischer Zug um seine Augen ließ eine Ahnung von zurückliegendem Leid aufkeimen und ich bemerkte in mir eine gewisse Neugier, was hinter diesem Gesicht für Gedanken und Gefühle ……….

Huch. Ein Hubschrauber. Er knatterte über den Wald und ich war nicht mehr an der englischen Nordseeküste und die Rosamunde Pilcher in mir zog sich in Sekundenschnelle in ihr kleines Landhäuschen in meinem Gehirn hinten links zurück. Die wohnt direkt neben den verworfenen Amokläufen. Sie werden nur durch einen weißgestrichenen Lattenzaun voneinander getrennt.
Wie auch immer.
Wie lange darf man als Mutter, Ehefrau, Hausbesitzerin, Hundebesitzerin, Autobesitzerin, Bloggerin eigentlich von zuhause weglaufen? War der Hubschrauber meinetwegen unterwegs? Hatten meine Angehörigen die Polizei verständigt, weil ich ohne ein Wort, ohne eine Nachricht aus dem Haus gelaufen war? Weil sie mich nicht finden konnten?
Der Hubschrauber drehte noch zwei weitere Schleifen, dann war er weg.
Vermutlich war das ein Fernsehhubschrauber, der schon einmal eine Proberunde drehte, um die Radler, deretwegen man am Montag hier das Kaff nicht mehr verlassen kann, in der Zeit zwischen zehn und vier, weil alle Straßen gesperrt sein werden, wie jedes Jahr, wie ging der Satz noch weiter?
Ach so, ja, also Proberunde, um die Radler richtig ins Bild zu setzen.
Ich schloss noch einmal die Augen, aber die Rosamunde ließ sich leider nicht mehr hervorlocken.
Da ich aber einen deutlich besseren Aggressionspegel hatte, machte ich mich wieder auf den Heimweg. Dort machte ich mir etwas zu essen und ignorierte einfach alle anderen. ALLE.

Und dann gehe ich heute früh in mein Bett, denn morgen gibt es Osterbrunch. Und Eier. Und Familienhöchstdosis.
Da brauche ich alle Reserven.