Heute Mittag war ich mit dem Burschen im Garten. Hinter unserem Haus steht ein altes ausgebautes Hühnerhaus und hinter dem Hühnerhaus ist der Garten. Und all das gibt es zweimal, weil es ein Doppelhaus und ein Doppelhühnerhaus ist. Den Zaun zwischen den Gärten haben meine liebe Nachbarin und ich irgendwann abgerissen, damit unsere Burschen besser über beide Wiesen rennen können beim Fußballspiel.
Die Nachbarn ringsum waren sehr empört über unser nahezu kommunistisches Verhalten, die Gärten zusammenzulegen.
Und einer Nachbarsfamilie stößt das seitdem mehr als übel auf. Jeden Sommer kommt von drüben ein Gemecker und Gemotze, einfach herrlich.

Heute war es wieder einmal so weit.
Der kleine Bursche, fünf ganze Jahre alt und einen Schuß wie Paul Breitner, kickte ein bisschen mit seinem Star Wars-Plastikball im Garten herum. Dabei schoss er den Ball gegen den Holzzaun der besagten Nachbarfamilie an der Stirnseite unseres Gartens.
Und dann war das so:

Skizze

Wie man sieht, lag ich ein bisschen erschöpft auf dem Liegestuhl links herum, schaute dem Kleinen beim Schießen zu und war hocherfreut, dass er für fünf Minuten einfach einmal keine Frage an mich hatte und auch nirgendwo hochkletterte.
Der eigentlich für das Tor geplante Schuss ging in die falsche Richtung und titschte an den Holzzaun, der eine Höhe von einem Meter und achtzig hat, damit ja niemand von uns irgendjemand von denen sehen kann.
Und just sofortamente hob ein hexenähnliches Gekreische hinter dem Zaun an.
„Das darf doch wohl nicht wahr sein!!! Immer dieses Gebolze gegen den Zaun!!!! Kreischkreischkreisch…….!“
Ich fragte dann ganz ambitioniert: „HÄ?“
„DER ZAUN IST AUS HOLZ! DER IST AUS HOLZ!“ kam von drüben.
„WEIß ICH, DASS DAS DING NICHT AUS BETON IST!!!!!“ blökte ich zurück.
„DA SCHICK`ICH IHNEN DIE RECHNUNG, DA KÖNNEN SIE SICH DRAUF GEFASST MACHEN!!!“ zickte sie.
„ACH JA? WEIL EIN FÜNFJÄHRIGER IHNEN MIT EINEM PLASTIKBALL EIN LOCH IN IHREN VERFICKTEN ZAUN GESCHOSSEN HABEN SOLL?“ krawallte ich rüber.
„DAS IST JA NICHT DAS ERSTE MAL, DASS DA GEGEN GESCHOSS….“
„ACH, JETZT HÖREN SIE DOCH AUF, DAS IST DOCH VOLLKOMMEN LÄCHERLICH…..!“ pampte ich noch geschmeidig rüber, alleweil der Bursche erstaunlich still und mit offenem Mund das Geschehen verfolgte.
Ich schnitt furchtbare Fratzen, mit Zunge raus, schielen, Vogel zeigen und sogar Mittelfinger.
Das nahm der kleine Kerl gern auf und führte einen netten und eindrucksvollen Derwischtanz auf.
Danach ließ ich ihn noch ein bisschen auf den Holzzaun schießen.

Die hier:
Irrehat dann nichts mehr von sich hören lassen.

Aber man kann sich vollkommen sicher sein, da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Die wird nur auf die nächste Zaunberührung warten, um sofort wieder loszupoltern.
Ich habe dann ein bisschen innere Einkehr gehalten und mir eine weniger proletenhafte Strategie für das nächste Mal zurecht gelegt.
Ich werde ganz freundlich über den Zaun säuseln, wie sie eigentlich die Situation der Kinder in Syrien, der Menschen im Sudan, die Kriegsgefahr in der Ukraine, die gesundheitliche Unterversorgung von Säuglingen und die damit verbundene erhöhte Säuglingssterblichkeit in Drittweltländern beurteilt.
Und dann möchte ich doch noch mal ein bisschen rüberprollen, dass sie sich ihren kompletten Holzzaun dahin praktizieren kann, wo niemals die Sonne scheint.

Bekloppte gibt`s, meine Güte.