Was mir in diesem Kaff manchmal wirklich fehlt, das ist der weite Blick. Hier stehen immer und überall Bäume herum und man sieht so wenig vom Himmel. Bäume, Bäume, Bäume. Ich mag Bäume, das ist kein Geheimnis. Und ich mag auch den Wald mit all seinen lustigen Dingen, die er mir jeden Tag zeigt.
Aber dieser weite Blick bis an die Kante, ein Stück Horizont, das könnte ich gebrauchen.
Wenn ich in das Kaff meiner Eltern fahre, nicht so schrecklich weit weg von hier, dann überkommt mich, bei all seiner Hässlichkeit und der unhübschen Silhouette der erdölverarbeitenden Industrie auf der anderen Rheinseite, trotzdem ein Gefühl des Durchatmens.
Die ollen Rübenbauern mit ihren platten Feldern lassen auf der einen Seite den Blick bis zum Dom zu, auf der anderen Seite sieht man, je nach Wetter näher oder weiter entfernt, das Siebengebirge. Links liegt das Bergische und rechts, hinter dem Rhein, da läuft sich die Sackeifel warm.
Keine Frage, es ist ein Becken, ein flaches Becken. Ein Bucht. Und das Wetter ist eher drückend und lau. Aber man schaut in die Ferne und man sieht den Himmel und die Wolken. Ein Gewitter bemerkt man nicht erst fünf Minuten vor Einschlag, sondern man sieht es auf seinem Weg mit allen Blitzen im Gepäck.
Die Wolken spielen fangen und machen sonderbare Formen und es gibt Tage, an denen hängen sie so tief, dass man glaubt, sie mit den Fingern streifen zu können, wenn man mit dem Fahrrad unter ihnen entlang fährt. Man müsste sich nur auf die Pedale stellen und ein klein wenig nach oben recken, dann würden die Finger durch die feuchte Watte streifen.
Auf den Feldern sieht man Spaziergänger, lange bevor man ihnen begegnet. Und will man niemandem begegnen, geht man den nächsten Feldweg links und hat seine Ruhe.

Hier lauert hinter jeder Waldecke ein potentieller Spaziergänger, gern auch mit Hund. Es gibt kein Entkommen, man sieht ihn erst, wenn er einem quasi vor der Nase steht.
Der Blick hängt an Blättern, an Bäumen, an kleinen Veilchen. Und dann fängt es spontan an zu regnen, aus einer dicken Wolke, die man schon eine Stunde vorher hätte beobachten können, hätten nicht so viele Bäume den Blick versperrt. Wolken kündigen den Regen an, sie verschwimmen an den Kanten, wenn sie zuviel Feuchtigkeit in sich tragen. Aber das sieht man hier nicht.
Der Weg geht ein bisschen hoch, er geht ein bisschen runter, es gibt Wurzeln, die Beinchen stellen, Brombeeren, die Jagd auf zarte Stoffe machen und Zecken. Zecken in rauen Mengen, jedes Jahr pule ich sie aus Hund und Mensch.

Aber hier gibt es keine Industrie, keine Schlote, keine Chlorgaswolken, die sich durch die Gegend wälzen. Und es gibt jeden Tag etwas zu entdecken, wohingegen im flachen Becken der Blick ungehalten herumstreift.

Langer Rede, kurzer Sinn. Die Frage, die dahinter steht, lautet doch, warum man nicht alles haben kann.
Ich möchte den weiten Blick, den ich sehnsuchtsvoll vermisse, denn ich fühle mich beengt. Aber ich will mich nicht in der Hässlichkeit der Fabriken verlieren, die mitten in der Landschaft stehen, ähnlich wie ein Wald, nur aus Beton und Metall.
Ist die Lösung, ganz woanders zu sein? Wegzugehen?

Das Wolkenköpfchen meinte, sie wolle eigentlich gern woanders leben. Gern im Allgäu, weil es ihr dort unglaublich gut gefällt. Aber wir müssten unser Haus mitnehmen, weil es ihr so sehr ans Herz gewachsen ist. Sie liebt ihr Zimmer und hält es für das schönste Zimmer auf der Welt. Letzten Endes ist es ihr egal, wo das Haus steht. Hauptsache ist, sie kann darin sein.
Und ich kann gut verstehen, was sie meint.
Denn wenn ich das alte Haus meiner Großeltern, in dem ich großgeworden bin, hätte haben können, so wie es damals war, nicht, wie es heute ist, ich wäre da, wo ich sein wollte. In einem nicht sehr hübschen Kaff, mitten im Westerwald, aber das beste Haus von allen.
Obwohl es schon über dreißig Jahre her ist, dass dieses Haus verkauft wurde, träume ich noch davon. Von all den Zimmern, vom Speicher, vom Keller, all seinen unheimlichen und seinen gemütlichen Winkeln. Vom Speiseaufzug in der Küche und dem Salon im ersten Stock. Von der Vertäfelung an den Wänden und den bunten Bleiglasfenstern am Treppenabsatz. Der Walnussbaum im Garten, die Laube, der Komposthaufen.
Es geht um innen und außen. Innen brauche ich das Haus, außen brauche ich Weite. Und ich brauche den Wald.
Und wenn man nicht alles haben kann, kann man sich alles in sich selbst machen?
Kann man eine Heimat in sich selbst haben?

(Was ist denn nur los mit mir? Ich wollte doch eigentlich ein Hohelied auf die breiten Strände der Nordsee singen! Das hat offensichtlich nicht geklappt. Manchmal schreibt es sich doch recht ungeleitet aus mir heraus. Trotzdem ist es mir wichtig, diese hier doch noch lobend zu erwähnen, in Bezug auf Weite, auf Wind und Wolken und Entspannung der Augen, bevor ich jetzt in den Wald stolpere und mich auf die Suche nach den wirklich wichtigen Dingen mache.)