Vermutlich ist eine hormonelle Sache. Und mir drängt sich der Verdacht auf, dass diese hormonelle Sache daran schuld ist und nicht alle anderen. Meiner Erfahrung nach ist es nämlich sinnvoll, sich selbst mit einer gewissen Distanz zu betrachten, wenn man plötzlich das Gefühl hat, alle anderen sind komplett bekloppt. Es ist so gut wie ausgeschlossen, dass sich sämtliche Menschen, die man so kennt, über Nacht in Idioten verwandelt haben. Der Umkehrschluss hingegen, man selbst sei über Nacht ein Idiot geworden, weißt dann darauf hin, dass es was Hormonelles ist.
Und mit Mitte vierzig ist das naheliegend.

Das fängt schon in der Nacht an. Ich liege sehr verträumt im Bett, schaffe es sogar, dass infernalische Getöse aus der benachbarten Bettseite zu ignorieren, da sehe ich im Traum mich selbst. Und ich bin eine ältere Dame im Walrossformat. Oha, denke ich im Traum. Das kann doch nicht wahr sein! Wie ist denn das passiert? Meine Hüften sind gigantisch, mein Hintern riesig und ich habe zwei hängende Wassermelonen am Oberkörper. Es wirkt nicht barock, es ist auch nicht mehr füllig, selbst eine Fruchtbarkeitsgöttin würde erschreckt die Luft anhalten.
Ich werde wach mit dem Gedanken, dass ich dringend abnehmen muss, bevor ich so ende wie im Traum.
Da es erst fünf Uhr ist, viel zu früh um aufzustehen, versuche ich, noch ein Mützchen Schlaf zu bekommen. Leider ein unmögliches Unterfangen, weil es mir auf einmal nicht mehr gelingt, das seitliche Geröchel aus meiner Wahrnehmung auszublenden. Ich versuche, im Rhythmus mitzuatmen und mich so in einen Trancezustand zu begeben. Nach fünf Minuten bin ich allerdings dermaßen aggressiv, dass ich einfach einmal quer durch das Bett trete. Es herrscht Ruhe.
Ich versuche, so schnell wie möglich zu schlafen, damit ich den unabwendbaren Wiedereinstieg in das Geschnorkse nicht mitbekomme. Vergebens.
Ich lege mich auf den Rücken, höre die ersten Vögelein zwitschern und fasse an meinen Bauch. Sofort fällt mir der Traum wieder ein. Ich taste an mir herum und frage mich, ob ich in Wirklichkeit vielleicht einen Hefebefall im Bauch habe und der darum aufgeht. Kann es sein, dass ich zuviel Pizza gegessen habe? Kohenhydrate?
Ist es besser, wenn ich im hellen, kalten Raum sitze? Für Hefe ist das bekanntlich nicht gut. Die geht dann nicht auf.

Zur Aufstehzeit fühle ich mich angefahren. Seitlich gestreift von einem großen Fahrzeug.
Die ersten Begegnungen des Tages verlaufen allesamt unerfreulich, ich denke, alle sind bekloppt und, wie gesagt, zweifele daran, dass dem so ist. Weil ich vermutlich selber bekloppt bin.

Und da könnte ich auch schon heulen. Ich stehe in der Küche an der Spüle, reinige eine Auflaufform, es ist sieben Uhr dreizehn und ich habe das schlimme, böse, unerträgliche, finstere Aschenputtelgefühl. Und leise platscht ein Tränchen in den Spülschaum. Nein, es ist keine Frage. Es ist hormonell. Heulen mit Aschenpüttelgefühl, Gewichtsalbträume und Hassgefühle gegen Familienmitglieder, eindeutiger kann es kaum sein.

Im weiteren Verlauf kommt es noch zu einigen Menschenkontakten, die meinen Eindruck festigen.
Nun kommen die Therapeutenfragen um die Ecke:
Wie fühle ich mich? Wie geht es mir damit? Was möchte ich ändern?

Denen trete ich in den Arsch und schicke sie hinter das Sofa.
Dann setze ich mich auf selbiges und schreibe in mein Blog.
So.

Und? Hilft es? Könnte man jetzt fragen. Da ich im Augenblick keine weiteren Kontakte mit kommunikationsfähigen lebenden Organismen außer dem Hund habe, der schlafend in seiner Kiste liegt und nicht reden kann, möchte ich sagen, ja, es geht mir etwas besser.
Ob es nun am Schreiben oder an der Ruhe liegt, egal, vermutlich die Kombination von beidem. Genaueres lässt sich erst sagen, wenn ich auf Lebewesen treffe oder endlich diese elende, verfluchte, mistige PMS-Phase hinter mich gebracht habe.
Nach all den Jahren könnte es langsam mal gut sein. Wirklich. Aber es scheint, jetzt, so kurz vor Toresschluss, müssen die Hormone noch einmal richtig groß aufspielen und zeigen, wie wunderbar sie auf der Klaviatur meiner Launen herumklimpern können.
Das finde ich eigentlich unzumutbar.
(Anders ausgedrückt: Ich bin heute unzumutbar.)