Seit ein paar Jahren bin ich nicht mehr katholisch.
An meinem vierzigsten Geburtstag hatte ich beschlossen, Abschied zu nehmen von der heiligen katholischen Kirche.
An diesem Tag war ich vormittags auf einer Beerdigung, die nach katholischem Ritus durchexerziert wurde. Von all dem Geschwätz über Schuld und menschliches Versagen im Angesicht der tiefen Trauer von Menschen, die Vater, Mann und Freund verloren haben, bekam ich eine Aversion wie selten zuvor in meinem Leben. Mittags las ich dann von den freundlichen Priestern, die sich mit kleinen Jungen das Leben versüßten, am Nachmittag erstaunte der Papst, damals der olle Ratze, mit Bemerkungen zu anderen Religionen.
Und als ich dann am Abend bei der Geburt eines wunderschönen kleinen Mädchens anwesend war, war mir klar, katholisch geht nicht mehr.

Seit zwei Jahren ist auch das Gefühl verschwunden, es bestände vielleicht eine Möglichkeit einer höheren Macht. Oder Instanz. Oder eines Plans.
Es ist mir nicht vergönnt gewesen, was andere mit Leichtigkeit schaffen, nämlich in einer existenziellen Krise, als mein Kind auf der Kante stand, Trost, Hoffnung, Hilfe in einem göttlichen Gebet zu finden.
Als der Krankenhausseelsorger auf der Intensiv auftauchte und uns Beistand leisten wollte, bekam ich fast einen Herzkaspar. Sein Feingefühl ließ ihn die Situation richtig einschätzen und er war keine halbe Minute später wieder durch die Tür.
Ich hatte keine Kapazitäten frei für höhere Mächte, denen ich mich vertrauensvoll in die Hand hätte begeben können. Ich war damit beschäftigt, im Tunnelblick auf die Situation konzentriert zu bleiben.

Nachdem die steilsten Klippen umschifft und das Leben mit Wucht zurückgekehrt war, hätte eigentlich ein großes Glück dasein müssen. Und dann wäre doch auch ein Dank an göttliche Fügungen möglich gewesen.
Stattdessen hingen alle meine vorher so hübsch zusammengeschusterten und zum Teil niedlich esoterischen Weltanschauungen ziemlich zerfleddert in der Ecke. Eine Wiederbelebung war unmöglich. Ich stand vollkommen nackt vor der Welt und der Tod stand neben mir, linste mir über die Schulter und sagte: Ja, so sieht das ohne Weichzeichner aus, das Leben.
Und ich fing an, mir mühsam einen neuen Weg zu suchen, mit dem ich dem Leben begegnen konnte.

Es ist nicht geschafft, aber es ist besser geworden, in der letzten Zeit, auch seit an der Pubertätsfront ein bisschen Sanftmut einkehren durfte.

Aber hin und wieder gibt es Momente, da möchte ich jemanden anflehen. Dann würde ich zu gern jemandem gegenüberstehen, der die Arme ausbreitet, die Hände öffnet und mir die Schwere abnimmt. Der mir die Seele freibläst und mich atmen lässt.
Der mich zurückbringt zu dem Mittag vor vierzig Jahren, ein wunderbarer Sommertag. Die Luft flirrte vor Hitze, ich trug ein leichtes Sommerkleid und fuhr auf meinem gelben Klappfahrrad zum ersten Mal freihändig. Sekunden nur. Ich traute mich, nahm meine Hände vom Lenker und das Fahrrad fuhr. Ich trat in die Pedale und das Fahrrad fuhr. Geradeaus.
Das Leben war leicht, ich flog.
Und es gab keine Ahnung davon, beim nächsten Versuch des freihändigen Fahrens gewaltig aufs Maul zu fallen.
Jemanden, der mir diese Unbeschwertheit, dieses maßlose Glück nicht nur verspricht sondern gibt.

Gestern stellte ich fest, dass ich nicht mehr freihändig radfahren kann.
Ich kann den Lenker nicht mehr loslassen.