Das ist doch kaum in Kraftausdrücke zu packen. Ich möchte fluchen wie dereinst meine Urgroßmutter Elvira, als sie den russischen Soldaten die Meinung geigte, die meinem zweijährigen Vater Sabotage vorwarfen, nur weil er in einem Anfall von Neugier ein Generatorschräubchen löste, und ihn sofort standrechtlich erschießen wollten.
Mein Talent für das Fluchen habe ich ganz eindeutig aus dieser Familienlinie.
Aber es schickt sich nicht, mitten in einer Zahnarztpraxis unflätige Ausdrücke und Verwünschungen herausbrüllen. Nein. Dort wird gelächelt und freundlich „Bis nächste Woche dann…!“ gesagt.

Bedauerlicherweise. Denn sehr viel ehrlicher wäre es doch, sich die Haare zu raufen, das schiefe Gesicht noch schiefer zu ziehen und den Zahnarzt, alle seine Mitarbeiterinnen und die folgenden Generationen mit Blatternflüchen zu belegen.
Ich putze meine Zähne. Gründlich. Ich pflege sie. Schon deshalb, weil ich eine Scheißangst vor dem Zahnarzt habe. Trotzdem kommt es immer wieder zu Problemen. Vor allem mit den schon vielhunderfach behandelten Zähnen. Und unter diesen sind es die zwei Wurzelbehandelten, die ein hübsches Gewächs am hintersten Wurzelende gebildet haben. Und der neueste Stand der ganzheitlichen Zahnmedizin empfiehlt: Raus mit den Dingern.

Und dann? Einseitig kauen, auf der anderen Seite gibt es nämlich nichts mehr, mit dem zu kauen möglich wäre. Was für ein Dreck.
Ich meine, es tut bisher nur ein klitzekleines bisschen weh. Ein Hauch von Schmerz. Aber das Bewusstsein, eine tickende Zeitbombe im Kiefer sitzen zu haben, ist unerfreulich. Mag man nicht. Also ich. Ich mag das nicht.
Demnach steht in Bälde eine Extraktion an. Eine doppelte, weil die Kollegen gleich nebeneinander stehen und da lohnt sich das wenigstens, ein Betäubung zu haben, dass Ohr und halber Schädel betäubt werden.

Ja, das ist zum Jammern. Was aber wirklich richtig grauenvoll ist, das sind die Kosten, die entstehen.
Damit meine ich nicht die Babyobstgläschen, die dann vermehrt verspeist werden müssen. Das spart man ja erst einmal bei den Chips und dem Müsli ein.
Es sind die Hunderte von Euro, die aus dem Portemonnaie direkt in die Taschen des Zahnarztkittels fliegen. Man braucht halt schon irgendwas im Backenzahnbereich, womit man kauen kann. Und ganz anthroposophisch ein Holzgebiss von den Kindern im Werkunterricht selber schnitzen zu lassen, so weit bin ich noch nicht.

Darum wäre ich gern manchmal reich. Ja, ich sage das offen und ehrlich. Es gibt Momente, in denen ich bedauere, mich für Familie und all den Schnickschnack entschieden zu haben, statt Lehrerin oder Sterneköchin oder Hebamme zu werden. Dann würde ich nämlich jetzt nicht darüber nachdenken müssen, wie ich das wieder stemmen soll, wo doch in nächster Zeit aus Gründen sowieso erhöhte Kosten auf uns zukommen.
Geld. So ein Scheiß immer mit dem Geld.
Ich vermute, wenn ich die Anschaffungsprioritäten dann gründlich durchgearbeitet habe, wobei die Waschmaschine ja auch noch mit in die Überlegungen einfließen muss, werde ich mir einfach ein Draculagebiss bei irgendwem erstehen.

Ich feile die Eckezähne schön flach, damit die Kinder nicht bei meinem Anblick in Ohmacht fallen, denn das würde wieder weitere Kosten verursachen. Benzin, um zum Arzt zu fahren, Platzwunde nähen lassen, Schmerzensgeld und was weiß ich nicht noch alles.

Nun, jetzt habe ich schon mal kein Amalgam mehr in der Klappe, der vorher ruhige Zahn tut richtig schön weh und ich kann mich einem Wutanfall hingeben über die Gemeinheiten des Lebens, denn es gibt hier im Haus Leute, die sich nicht sonderlich mit ihren Zähnen befassen und die haben nix. NIX. Bei denen sind immer alle Beißerchen in bester Ordung.
Darum gibt es heute Abend auch frisch geschossenen Tofu. Ich lasse die Schrotkugeln drin und esse nicht mit.
(Oder nicht. In der Konsequenz auch zu teuer. Es gibt keine Freude mehr im Leben. Elende Kacke.)