Eigentlich bin ich kein großer Freund von Veränderungen. Ich hocke gern in meiner Komfortzone und funktioniere mitunter nach dem Prinzip, was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht. Wenn aber doch Veränderungen auf mich zukommen, nun, dann kneif` ich den Hintern zusammen und mache das Beste daraus. Wenn die Veränderungen durch sind, stellt sich in der Regel heraus, so schlimm war es gar nicht. Aber es gibt den Punkt, an dem kommen die Veränderungen wie eine Lawine auf mich zugerollt, unerbittlich, unaufhaltsam, und ich starre ihnen gebannt entgegen, paralysiert, verunsichert, möchte lauthals schreien: „HALT! STOPP! NIX DA!! ALLES SOLL SO BLEIBEN!!“, auch wenn mir die Sinnlosigkeit dieses Unterfangens durchaus bewusst ist.

Es ist haarsträubend, wenn ich dann meinen obersten Angsthasen von der Kette lasse, der sich sofort um Kopf und Kragen fürchtet. Er zittert und bibbert und versucht sich in der olympischen Disziplin des Zurückruderns.
Zum Glück gelingt es mir, ihn mit einer Tarnkappe zu versehen, so können ihn die allerwenigsten Menschen überhaupt wahrnehmen. Am Wichtigsten ist, dass die Hauptdarsteller des Veränderungsreigens nichts von seiner Existenz bemerken, denn sonst könnte es eine gewisse Ansteckung geben. Es ist nicht gut, wenn man Jugendlichen die eigenen Ängste und Befürchtungen einimpft.
Darum bin ich momentan auch heißester Anwärter auf ein Engagement in der Royal Shakespeare Company. Meine mit Hingabe gespielte Rolle der motivierenden und loslassenden Mutter ist absolut preisverdächtig und zeigt mein enormes schauspielerisches Talent.
Da, wo ich die Flügel hängen lassen möchte, weil schlimmste Katastrophenphantasien mich quälen, meißel ich mir ein mutiges Lachen in mein Gesicht und verkünde im Brustton der Überzeugung, dass es eine tolle Sache ist, das Elternhaus früh zu verlassen.
Da, wo ich mich bequem in Strukturen eingemummelt habe und mir nicht die kuschelige Sicherheitsdecke wegziehen lassen möchte, werfe ich sie von mir und rufe: „Auf, auf, zu neuen Schulen Ufern!“.
Und da, wo meine olle Unke sitzt und heiser röchelt: „Nein, nein, nein, das wird alles schief gehen, nichts wird klappen, ihr werdet schon sehen. Schlimme Dinge werden passieren, schlimme Dinge. Allen wird Furchtbares widerfahren…!“, werde ich einen Mixer hinstellen und die Unke fragen: „Was ist das? Es ist graubraun und wenn man auf den Knopf drückt rot?“, worauf die Unke in den moderigen, miefigen Tümpel der Zweifel und Verzweiflung springt und sich erst einmal recht ruhig verhält.

Und dann gibt es noch dieses flatterhafte Wesen, ganz tief drin. Das klatscht seit Wochen ununterbrochen in die Hände und freut sich. Es singt von Zeit, es singt von Freiheit, es singt von Momenten der Selbstbestimmung. Erst war es sehr verhalten und leise, aber mit jedem Tag, den sich die Veränderungen nähern, wird es freudiger und aufgeregter und ich bin gespannt, was es macht, wenn es soweit ist.

Aber ein bisschen dauert es schon noch bis dahin. Und darum ist es meine wirkliche Glanzleistung, mir selbst das Gefühl zu geben:

War was? Nö.