Beim Augenarzt an der Theke steht eine kleine alte Dame. Sie ist gebeugt und ihr Haar ist weiß wie Schnee, ihr Gesicht voller Falten. Obwohl es warm ist, trägt sie eine Winterjacke und zieht sich den Reißverschluss bis unter das Kinn. Auf einem Stuhl in der Ecke sitzt eine andere alte Dame, etwas größer aber nicht weniger gebeugt, keine Falte weniger in ihrer Haut.
„Trudchen, gehste schon?“, fragt sie.
Die alte Dame an der Theke dreht sich langsam um.
„Ach, Hilde, hallo, wie isset denn?“
„Joo, muss, ne?! Weißte ja.“
„Ja sischer, et macht nur nisch mehr so viel Spass wie früher, oder wat meinste?“, fragt Trudchen.
Hilde sagt: „Da häste recht, Liebelein. Und sonst?“
„Die Augen, die Augen. Et is auch sowat von fies. Tränen und ich seh nit mehr so rischtisch. Ever wat soll et. Da mähste nix.“
„Nää!“, sagt Hilde, „da mähste jar nix.“

Die Helferin, eine Frau um die Fünfzig, schaltet sich ein. „Frau Schmitz, der Herr Doktor hat gesagt, wir sollen einen Termin in einem halben Jahr machen. Wann können Sie denn?“
Trudchen dreht sich langsam und beschwerlich um und schaut die Helferin hinter der Theke entgeistert an.
„Junget Frollein, in enem halben Jahr?? Nä. Da mach isch kein Termine.“
Die Helferin schaut von ihrem Bildschirm auf. „Aber Frau Schmitz, da müssen Sie zur Kontrolle kommen.“, sagt sie in einem leicht tadelnden Ton.
„Wissense wat? In enem halben Jahr, da hab isch hoffentlich kein Zeit für Sie. Da hoffe isch doch von ganzem Herzen, dat dieses Elend hier endlich rum is. Et is ja nisch mehr zu ertragen. Wirklisch. Und sollte isch doch noch am Lebbe sein, da meld isch misch kurzfristisch.
Hilde, isch muss los. Falls mir uns nisch mehr spreschen, mach et joot.“
„Du auch, Trudchen. Und lass dä Kopp nit hänge.“
„Nää, auf keinen Fall. Tschöö zosamme.“

Sprach`s und schob ihren Rollator aus der Tür.
Irgendwie war ich gerührt.