Es war einmal vor langer, langer Zeit, da arbeitete ich in einem katholischen Kindergarten. Damals war ich auch noch katholisch und der Papst hieß Johannes Paul der Zweite. Wäre ich nicht katholisch gewesen, hätte ich dort nicht arbeiten können. Obwohl manchmal eine gewisse Ungläubigenquote erfüllt werden  musste, das aber nur bei den Insassen, nicht bei den Kinderwärtern.
Dieser Kindergarten war ein Hort des Friedens, der Freude und der Damen. Überall waren Damen. In jeder Gruppe gab es ungefähr zwei davon. Und in einer Gruppe gab es eine etwas ältere kleine dicke Dame. Frau Martha Morgenlicht (so hieß sie natürlich nicht in Wirklichkeit, ich habe ihr einen Künstlernamen gegeben) hatte kräftige Arme und liebte Kittelschürzen und Röcke. Wenn ich darüber nachdenke, fällt mir nicht eine einzige Gelegenheit ein, in der ich sie in einer Hose gesehen hätte.
Sie kam jeden Morgen auf ihrem alten stählernen Damenrad zur Arbeit, das kurze graue und wassergewellte Haar je nach Jahreszeit unter einem Plastikschutz, damit es nicht nass wurde, einem Sonnenhut, damit sie keinen Sonnenstich bekam oder unter einer Mütze, wenn der kalte Wind sonst in die Ohren gebissen hätte.

Frau Morgenlicht war ein echtes Seelchen. Immer guter Dinge, immer zugewandt, aber auch streng mit den kleinen Bengel, die aus der Reihe tanzten. Und Frau Morgenlicht hatte ein perfektes Tagesprogramm für sich ausgearbeitet. Davon berichtete sie mir eines Tages, als wir gemeinsam das Freispiel im Kindergartengarten beaufsichtigten. Es war ein Tag im Sommer, es war schon um neun Uhr sehr warm und die Kinder durften als erstes nach draußen, bevor sie um zehn in die abgedunkelten Räume getrieben wurden, um vor der Sonne geschützt zu sein (hier entwickelte sich die erste Generation von Vampirliebhabern, die nur auf diese merkwürdigen Schmachtfetzen warteten).

„Wissen Sie, Frollein Lavendel, ich mach das an diesen Tagen immer so. Ich stehe um fünf Uhr früh auf, wenn es hell wird und dann geht es los.“
Schon die Erwähnung einer Uhrzeit, die im einstelligen Bereich liegt, machte mich ganz ehrfüchtig. Mit zarten achtzehn Jahren wollte man nur im zweistelligen Bereich existieren.
„Dann bereite ich schon das Frühstück vor, damit mein Mann, wenn er um sieben Uhr aufsteht, gleich etwas essen kann, bevor er zur Arbeit muss.“
Sie stand um fünf Uhr auf und ihr Mann um sieben? Sie machte ihm Frühstück, damit er länger schlafen konnte? Freiwillig?
„Frau Morgenlicht, warum stehen sie denn nicht auch erst um sieben Uhr auf? Und machen dann zusammen das Frühstück?“
„Das geht nicht, junges Frollein. Und im Sommer schon gar nicht! Wenn ich nämlich das Frühstück für den Mann fertig habe, dann mache ich das Haus.“
„Was machen Sie?“
„Das Haus! Ich kehre die Küche, ich sauge den Teppich, ich erledige die ganze Hausarbeit. Im Sommer ist das eine gute Uhrzeit, weil es noch nicht so warm ist. und im Winter kann ich mich warmarbeiten, dann friere ich den ganzen Tag nicht.“

Ich lächelte sie freundlich an, aber innerlich schüttelte ich den Kopf. Ich konnte es überhaupt nicht verstehen, wie man sich morgens, in aller Herrgottsfrüh, vor Tau und Tag so etwas antun könnte. Um fünf Uhr ist die beste Zeit für Träume. Um sieben Uhr dreht man sich am Besten noch einmal um und schlummert noch eine Runde. Um zehn Uhr, da darf man langsam ein Augenlied heben. Alles andere war doch vollkommen verkehrt. Unlogisch. Nicht nachvollziehbar.
Frau Morgenlicht musste definitiv einen Sprung in ihrer Schüssel haben.

Heute wird es ja auch sehr heiß. Über dreißig Grad wird es werden. Es ist nun fast halb zehn. Beinahe zweistellig.
Ich habe Wäsche gewaschen. Ich habe die Spülmaschine ausgeräumt. Ich habe das Bett frisch bezogen. Ich war mit dem Hund draußen. Ich bin schon länger wach. Und es war sehr angenehm, in der morgendliche Frische haushaltliche Tätigkeiten auszuüben.

Ich vermute, der Sprung in der Schüssel ist bei mir angekommen.