Ach, wie konnte das passieren? Ich habe vergessen, dass schon wieder ein Zwölftel des Jahres durchgereist ist. Der Mai ist vorbei. Und das nun schon seit elf Tagen. Ich habe es kaum bemerkt, so nahtlos ging der Mai hinüber in den Juni. Seltsam.

Und wie war es nun, das fünfte Zwölfte?
Es gab Diskussion über Rapper und deren Wortschatz. Und über Reschbeckt. Und über Zimmer, die sich in Biotope verwandeln. Das ganz normale Pubertistenprogramm, allgemein bekannt, beliebt und weltweit vorhanden. Außer in Krisengebieten, wo es um das nackte Überleben geht. Dort hat niemand die Zeit, sich mit solchem Unfug zu befassen.

Was hatte der Mai sonst noch im Gepäck?
Nun, ich bin nach wie vor meinem Jahresvorsatz treu. Ich war ein weiteres Zwölftel nicht beim Friseur. Das fluppt wirklich wie am Schnürchen. Fantastisch.
Und ich habe ziemlich viele Bücher gelesen. In einer Ansammlung von Unpässlichkeiten hatte ich vier Bücher hintereinander in vier Tagen hineingeschlungen. Sie waren nicht sehr lang und nicht sehr anspruchsvoll, optimal also, um gleich dem Vergessen anheim zu fallen. Wobei ich schon hier und da gelacht habe, denn es waren lustige Bücher dabei. Ich war erstaunt, wie gut ich das nach all den Jahren doch noch beherrsche, wenn ich zu einem kleinen bisschen Rumliegen gezwungen bin. Dann ist es wie früher, als ich mit dem Kopf auf einem großen Kissen lag, die Füße in die Heizungsrippen geklemmt, eine Tüte Bonbons griffbereit und dann mit Frodo das Auenland rettete.
Dieses Gefühl, es gibt die echte Welt nicht mehr. Mehr als alles andere auf der Welt ein großes Glück.

Wettermäßig lief es gut. Gartentechnisch beschränkte ich mich auf das Rasenmähen. Es ist doch egal, dass das Efeu nun schon Spruchbänder ausrollt, auf dem es die Übernahme der Weltherrschaft bekannt gibt.
Eine kleine Radtour wurde unternommen, bei der ich mein Fahrradschloss an einem Weidezaun vergessen habe. Wie seltsam das ist, wenn man zuhause wieder ankommt und in dem Moment, in dem man in die Einfahrt einbiegt, plötzlich wie aus dem Nichts die Erkenntnis da ist, das Schloss ist nicht da. Zumindest nicht da, wo es sein sollte.
Und den Spruch, was man nicht im Kopf habe, das müsse man in den Beinen haben, den kann ich mir bald auf die Innenseiten meiner Augenlider tätowieren lassen. Denn im Mai war ich vergesslich. Wenn ich zum Wolkenköpfchen sagte, ich müsse aus dem Keller eine Tüte holen, wusste ich zumindest im Keller noch, dass das Wolkenköpfchen vermutlich wissen könnte, was ich hatte holen wollen und brüllte: „Wolkenköpfchen, was wollte ich noch holen?“
„Eine Tüte!“
Ja. Genau. So ist es.

Das Beste ist, die Tage wurden signifikant lang und abends ist es wunderbar herrlich hell. Da ist es mir egal, ob es regnet oder die Sonne lacht. Es ist um sieben hell, es ist um acht hell und um neun ist es auch noch hell. Von mir aus könnte es noch länger hell sein.

So kurz vor dem Sommer kommt manchmal eine leichte Herbstmelancholie. Weil der Frühling schon fast durch ist und man weiß, der Sommer kann mitunter sehr herbstlich werden, denkt man beim Autofahren auf der Allee schon kurz an den Moment, an dem sich die Bäume verfärben. Es ist keine frühlingshafte Vorfreude, eher eine zarte Befürchtung.
Weil man aber nicht als Heulsusi gelten möchte, reißt man sich am Riemen und lässt sich mal geschmeidig nichts anmerken. Erst einmal den Sommer fröhlich durchleben.

Eis ist darum ein Muss, denn das hilft gegen Heulsusiheit. Hier ein Eis, da ein Eis. Und dann noch dort eins. Ja, im Mai habe ich auch gut an meinem Speck gearbeitet, der Bikinifigur habe ich abgeschworen. Ich bin kurvig wie nie. Da wird es einem ganz plümerant, so kurvig ist das Gebiet.
Aber was soll es denn. Wenn ich morgen überfahren werde und das Eis nicht gegessen habe, was habe ich dann davon gehabt, es nicht gegessen zu haben? Ein Glück weniger. Und wer mag schon freiwillig auf Glück verzichten, egal wie klein es ist? Genau. Ich nicht.

Lieber Mai, Du warst in Ordnung. Ich fand Dich ganz gut.
Und ich freue mich, wenn Du nächstes Jahr wieder kommst, denn Du versprichst das Ende dunkler Zeiten und den Beginn der Eisdielensaison. Außerdem blühen bei Dir die paar Blömscher im Garten, die farbig sind. Und das ist mehr als die anderen Monate hinbekommen.
Bist eine echte Wonne.