Wir sind zusammen aufgewachsen. Zehn Monate nachdem er geboren war, kam ich zur Welt. Wir lagen im gleichen Zimmer und wir teilten uns mehr als nur den Raum. Er war wie ein Bruder und doch war er es nicht. Er war ein Onkel und doch war er es nicht. Er war mein Großcousin. Wir sind zusammen aufgewachsen. Groß geworden in einer großen Familie mit vielen Kindern. Seine Zwillingsschwester lernte ich nie kennen, nur das Kreuz auf dem Friedhof, an dem meine Großmutter mit müdem Gesicht Blumen pflanzte.

Und nun stürmen Erinnerungen in mir von den Tagen, damals. Von uns. Wie wir zusammen groß wurden.
Und ich möchte meinen Schmerz herauskotzen. Ich will es aus mir herauswürgen, dieses Gefühl von Traurigkeit, von Verzweiflung. Diesen Verlust.
Mir laufen Tränen über das Gesicht und ich weiß nicht, was  ich mit ihnen tun soll. Ich fühle sie herunterlaufen und sehe sie auf meine Hände tropfen. Meine Hände greifen in die Leere, in diese Stelle, wo er so plötzlich nicht mehr ist.

Ich kann es nicht glauben. Die Vermutung, es handele sich um einen schlechten Scherz, keimt als kleine Hoffnung auf, aber solch üble Scherze macht niemand. Niemand tut, als wäre er tot, um dann hinter einem Baum hervorzuspringen und zu rufen, alles wäre nur ein Witz.
Das ist kein Witz. Und in Wellen schlagen die Gedanken über mir zusammen. Dann ziehen sie sich ein klein wenig zurück, um keine Minute später wieder auf mich zuzurollen.

Es zerreißt mein Herz, an ihn zu denken, daran, wie er mich vermöbelt hat, weil ich ihm meinen Bikini mit der Schnalle nicht leihen wollte. Daran, wie er bei einem Spaziergang so viele Fratzen schnitt, dass ich vor Lachen den Berg nicht hinaufkam.
Wir haben gemeinsam Schokolade geföhnt und von der Alufolie gelutscht. Wir haben zusammen meine erste Zigarette geraucht. Und später eine mit Kirschtee selbst gestopfte.
Er war der Star der Mädchenwelt und ich war gebührend beeindruckt. Mit acht Jahren war ich davon überzeugt, wir würden heiraten, wen scherte denn der Verwandtschaftgrad. Wir fuhren zusammen in die Welt, waren im Allgäu und im Libanon. Wir fuhren gemeinsam mit dem Schlitten in den Stacheldraht und prügelten uns um Süßigkeiten. Wir arbeiteten als Trickbetrüger und nahmen die Urgroßmutter aus wie eine Weihnachtsgans, um uns Schokolade zu kaufen. Er Nougat, ich Krokant. Und wenn seine Tafel leer war, klaute er mir meine.

Dann die sich häufenden Probleme. Das Unglück, das sich in seinem Leben häuslich einrichtete. Er tat unsinnige Dinge und log, betrog, schlug hin und wieder zu. Vor achtundzwanzig Jahren versuchte er, sein Leben zu beenden, so jung war er, so verzweifelt. Er blieb und machte weiter.

Bis es ihn jetzt verließ, sein Leben.

Und ich möchte meinen Schmerz herauskotzen, damit das Gefühl leichter zu ertragen wird. Dieses Gefühl, etwas nicht verstanden zu haben, als ich vor drei Wochen mit ihm sprach. Nicht gewusst zu haben, dass es das letzte Mal war. Geahnt zu haben, dass die Dinge nicht zum Besten standen, weil er über viele Schmerzen und viele Tabletten sprach, mit einer verwaschenen Sprache, bei der klar war, dass er vieles intus hatte.
Aber wie hätte ich wissen können, was passiert. Ich hätte es nicht wissen können. Aber ich hätte es gern geahnt. Es sind diese Sekunden, in denen wir weitergehen und nicht wissen, welche Abzweigung wir da gerade genommen haben. Erst der Blick zurück klärt die Sicht. Und der ändert nichts mehr.

Er ist tot und da ist etwas, was er mitgenommen hat. Ein Stück aus meinem Herzen.

Und ich möchte, dass er mein Weinen hört, damit er weiß, es ist mir nicht egal. Dass er weiß, hier gibt es Menschen, denen er etwas bedeutete.

Ich halte Wache für Dich, in dieser Nacht. Ich lasse Dich noch nicht gehen und hole all die Erinnerungsschätze hervor, schaue sie mir an und rufe Dir zu: „Schau Dir das an! Was wir für einen Spaß hatten! Dein Leben hatte wunderbare Momente! Und meines auch durch Deines. Nach dem achtundfünfzigsten Mal „Love is a battlefield“ musste ich Dich einfach treten, aber danach haben wir uns über nichts kaputtgelacht. Und wir hätten doch im Speiseaufzug einmal hoch ins Herrenzimmer fahren sollen. Es tut mir leid, dass ich so ein Feigling war.“

Einfach sterben. Mir nichts, Dir nichts. Das ist doch wirklich eine Scheißidee.
Du gehst vor.
Und ich bin gerade sehr allein.