Sollte es nach dem Tod irgendetwas geben, sollte er nun wirklich auf einer Wolke hocken und dem Treiben hier unten zusehen, er würde sich auf die Schenkel schlagen, laut lachen und mit einer gewissen Bitterkeit in der Stimme sagen: „ich hab`s doch gewusst.“
Und er hätte ja so recht.
Familie, noch dazu eine recht große, kann eine Strafe sein.

Ich kümmere mich um die Beerdigung. Das ist gut, denn ich gehöre nicht zur Geschwisterschar, bin ein bisschen entfernt von all dem Gezänke. Nun kann ich meinen Erfahrungen im Leben den Besuch in einem Bestattungsinstitut der sonderlichen Art hinzufügen. Jetzt weiß ich, was eine Noteinbettung ist und dass biologisch abbaubare Materialien durchaus auch bei der Verbrennung benutzt werden müssen, obwohl sie verbrannt und nicht abgebaut werden. Die Zusammensetzung der Folie, die verhindert, dass es aus dem Sarg tropft, ist Din genormt. Und dass Bekleidung kein Muss ist, ein letztes Hemdchen namens Herrentalar Hemdentuch aber schon.
Dass die Pflege eines Toten extra kostet und Samstag alles das Doppelte.
Und als ich in diesem leicht schäbigen Achtzigerbüro saß, auf den Chef des Ladens wartete und mich umschaute, da war es mir ganz seltsam zumute. Es war fast wie bei meiner Hochzeit. Da musste ich auch einen heftigen Lachanfall unterdrücken. Ich saß da, mit einem Glas Wasser. Den Kaffee hatte ich abgelehnt und mich noch ein bisschen mit dem Gedanken befasst, warum man immer überall eine Tasse Kaffee angeboten bekommt, was eigentlich sehr nett aber für mich gänzlich unnötig ist. Dann sah ich ihn neben mir sitzen, den lieben Verstorbenen, mit seinem unnachahmliches Strolchlachen im Gesicht und es war mit meiner Fassung fast vorbei. Ich hätte so gern losgelacht, aber die Pietät ist ja so eine Sache. Nun kam der Herr Oberbeerdiger und schüttelte mir die Hand mit den Worten: „Mein tiefempfundenes Beileid.“
Da kämpfte ich schon wieder mit den Wellen und presste ein: „Jooo, danke!“ heraus, um anschließend mein Gesicht im Wasserglas zu versenken. Das gehört sich sicher nicht, sich in einem Bestattungsinstitut am Boden zu wälzen und dabei zu überlegen, ob der Oberbeerdiger weiß, dass er ein lebendig gewordenes Oberbeerdigerklischee ist. Im Stuhl neben mir saß er, und weil ihn außer mir niemand sehen konnte, redete ich lieber nur in meinem Kopf mit ihm.

„Und? Wie findest Du den Oberbestatter?“
„Der sollte zum Frisör. “
„Der soll keinen Schönheitswettbewerb gewinnen, der soll Dich unter die Erde bringen.“
„Eben. Ich möchte schon, dass das jemand mit einem Haarschnitt macht. Also, wenn der dabei ist, der soll vorher die Haare waschen. Sag ihm das.“
„Bist Du bekloppt? Ich kann dem doch nicht sagen, er soll die Haare waschen…“
„Aber guck Dir doch bitte mal diese fiesen Strähnen an. Das ist peinlich.“
„Hallo? Du bist tot! Das kann Dir egal sein.“
„Jetzt werd mal nicht kleinlich.“

Der Oberbeerdiger schaute mich erwartungsvoll an.
„Was meinen Sie, sollen wir?“
„Ähm, tut mir leid, ich habe nicht richtig zugehört, was bitte?“
Wir klärten das mit der anonymen Urnenbestattung und den warmen Worten am Grab. Besprachen das Ausfallen von jedem Blumengesteck und einigten uns auf die extreme Billigversion, wobei mein lieber Verstorbener neben mir mit den Augen rollte und leise etwas über die Knickigkeit seiner acht Geschwister brummelte.
Ich handelte wie auf einem Basar und war schließlich bei knappen zweieinhalb Tausend angekommen. Gut. So soll es sein.
Ich fragte den Oberbeerdiger, wo er denn nun ich echt sei, weil der neben mir nur in Teilen real war.

„Ja, der Verstorbene liegt unten im Leichensack der Kripo und im Notsarg.“
„Ich würde den gern sehen.“
„Da schicke ich aber erst einmal den David runter um zu schauen. Warten Sie mal.“

Das Strolchlachen war verschwunden und er sagte:
„Hör mal, lass das lieber. Das wird Dir nicht gefallen, was Du da siehst. Wirklich. Kann ich nicht empfehlen. Ich bin schon froh, dass ich nicht mehr in den Spiegel gucken kann. Scheint nicht so gut zu sein mit meiner Frisur…“

David kam zurück und sagte:
„Also, der Verstorbene sieht nicht so gut aus. Er ist noch von der Reanimation etwas mitgenommen und verklebt mit Ausscheidungen. Und gelb ist er auch. Ich empfehle Ihnen, bei Ihren Erinnerungen zu bleiben.“

Vom leeren Stuhl rief es:
„Eeeeh, vorsicht, Bursche, ich war mal der heißeste Typ entlang des Rheins, der Mosel und der Lahn. Aber er hat recht. Lass es. Sonst sitze nicht mehr ich neben Dir sondern dieses Überbleibsel. Und du bekommst Albträume und ich bin schuld. Das hatten wir doch früher schon, wenn ich Dir Vampirgeschichten erzählt habe. Und das hast Du mir damals schon übel genommen. Du würdest es mir wahrscheinlich nie verzeihen, Dich so erschreckt zu haben.“

„Gut, lassen wir das.“
Ich wollte ja auch nicht im Beerdigungsinstitut in den Keller kotzen oder gar in Ohnmacht sinken. Ich bin doch eigentlich ein harter Knochen. So leicht wirft mich nichts um. Aber da war ich mir dann nicht sicher. Und Albträume habe ich genung, da kann ich nicht noch einen lieben Verstorbenen gebrauchen.

Ich unterschrieb alles, schüttelte noch einmal Hände, dachte dabei, dass diese Hände heute vermutlich schon einige liebe Verstorbene gehoben, gedreht und gewendet haben dürften und verließ das Etablissement.

Im Auto musste ich erst einmal fünf bis zehn Minuten atmen.
Auf dem Beifahrersitz hockte er schon wieder.
„Sag mal, wirst Du jetzt zur Heimsuchung?“
„Nur, wenn Du es möchtest. Ich persönlich würde eher das gepflegte Gespräch suchen.“
„Also gut. Was willst Du?“
„Ich finde es blöd, dass ich nicht in einer Vanilla-Jeans verbrannt werde.“
„Hä?“
„Ja. Und ein John-Wayne-Hemd und ein pastellfarbenes Miami Vice Gedächtnissakko. Oder ein T-Shirt mit Knopfleiste. Aber nicht so einen Billigplunder.“
„Du spinnst.“
„Ja. Stimmt. Du auch.“
„Wohl war. Du bist tot und ich rede mit dir. Und Du sitzt neben mir. Das ist eindeutig versponnen.“
„Dann ist doch alles klar. Ich bin jetzt mal weg.“
„Kommst Du wieder vorbei?“
„Wenn es nötig ist, natürlich.“
„Gut. Dann weiß ich bescheid.“
Und wie bei der Grinsekatze blieb sein Lachen noch einen Moment in der Luft stehen.

Die Stunde Fahrt bis nach Hause habe ich mit Weinen, Vermissen, Traurigsein und Fluchen verbracht.

Und hin und wieder ertönt ein Flüstern:
„Nenn` mich noch einmal den lieben Verstorbenen und ich mache Dir den Poltergeist.“