„Lieber Doktor,

da stand ich nun um halb acht in der Frühe in der Praxis, weil ich schon zwei Nächte nicht mehr schlafen konnte. Jedes Umdrehen von links nach rechts elektrisierte mich und sorgte für Schmerzerlebnisse der besonderen Art. Das Wort Unerfreulich beschreibt es nicht ganz treffend.
Ich stand also da und erhoffte mir, wie schon einige Male zuvor, Hilfe dabei, diese Verknackung im unteren Rücken durch Ziehen hier und Drücken da zu beseitigen. Hatte ich doch bereits erleben können, wie sich mit einem Krachen solche Dinge lösen lassen.

Neben mir standen noch ungefähr zehn weitere Menschen, alle mit einem nicht sehr zufriedenen Gesichtsausdruck. Eher schmerzerfüllt.
Wir warteten gemeinsam, aber außer einer Tafel, auf welcher stand: „Wir sind ab acht Uhr für Sie da!“ war nichts zu sehen, hinter dem Tresen.

Um eine Minute nach acht kamen dann einem kleinen Bienenschwarm gleich, fünf kräftige Damen angeschwirrt und los ging die Sache. Wer einen Termin habe, wer angerufen habe, wer terminlos sei.
So wurde einer nach dem anderen in den Räumlichkeiten der Praxis verteilt. Vor mir war eine kleine alte Dame mit Krücken, die eben noch ihre Krankengeschichte allen Anwesenden geschildert hatte. Sie sagte, in ihrem nicht operierten Knie sei eine riesige Beule und es sei sehr arg, sie könne kaum noch laufen.
Sie wurde nach Hause geschickt. Sie solle morgen wiederkommen. Da sei um neun ein Termin frei geworden.

Mir wurde sofort schwummerig. Ich reichte meine Karte über den Tresen, die kräftige Dame schaute mich kopfschüttelnd an und sagte: „Tut mir leid, wir sind zu voll heute. Kann ich nichts mehr machen. Kommen Sie am Donnerstag.“
Dass ich anfing zu weinen, das ist sicher meiner desolaten Gesamtverfassung geschuldet. Und dass ich Donnerstag für keinen guten Tag halte, weil ich jetzt im Moment ziemliche Probleme habe, war kein ziehendes Argument.
Gar nicht mehr ausgeführt hatte ich, dass just vor einer Woche enge Verwandtschaft verstorben sei und zwar aufgrund von Schmerzmittelabusus in Kombination mit alkoholischen Getränken, dem ein schwerer Bandscheibenvorfall vorausgegangen war. Das alles in allem ein ungutes Zusammenspiel von Faktoren und den dazugehörigen familiär gehäuft auftretenden Suchtproblematiken und der wohlmöglich bereits mitgebrachten verlorenen Seele den frühen Tod hervorriefen, was kümmert es die kräftige Dame?
Es kümmert sie nicht. Genausowenig wie das heftige Beziehungsgerüttel, das sich zum Drama dazugesellte und meine Welt in eine Umlaufbahn geschossen hat, in der ich mich jetzt so noch nicht befunden habe.

Und dass ich weinend am Tresen stand, das kümmerte sie auch nicht.
Lieber Doktor, ich weiß, eine Praxis muss laufen. Ich weiß, es braucht eine Systematik in den Abläufen, damit eine Praxis funktionieren kann.
Bedauerlich finde ich nur, dass an erster Stelle das System steht und alles Menschliche dahinter zurücktreten muss.

Ich glaube, unsere Beziehung Arzt- Patient betrachte ich als beendet. Das wird Dich nicht jucken, Du hast ja genug davon, aber mich juckt es schon, denn ich fand Dich eigentlich gut. Aber wer mich zum Weinen bringt, der hat es möglicherweise nicht verdient, von mir gut gefunden zu werden.

Ich denke, ich suche mir einen Neuen. Arzt.
Und überlege dabei, ob ich auch noch andere Leute hinter mir lassen sollte.

Mit freundlichen Grüßen und den besten Wünschen für die persönliche Zukunft,

die Frau Lavendel“