Fast wäre ich zur Beerdigung zu spät gekommen. Hatte ich erst noch überlegt, was ich mit der Zeit anfangen soll, die ich hätte haben können, wäre ich so gefahren, wie das Navi es mir sagte, bin ich falsch abgefahren, habe dann mein Vertrauen in dieses seltsame Gerät verloren und fuhr, wie ich dachte, dass es hätte richtig sein können. Was es aber nicht war. Darum bin ich durch Gegenden gefahren, die mich beunruhigten, vermutete ich doch hinter Bäumen und in halb und ganz verfallenen Häusern in tiefen Schluchten den ein oder anderen Irren mit einer Kettensäge.

Als ich mich nach einem hysterischen Anfall wieder besann und auf das Gerät hörte, war ich eine Stunde später angekommen und alle standen schon da und warteten auf mich oder vielleicht auch auf die Leiche, die gar keine mehr ist, sondern vielmehr ein Häufchen Asche in einer Kapsel, die in eine Urne gesteckt wurde. Dabei hatte aber jemand geschlampt und die Bänder nicht so reingelegt, dass sie sich mühelos herausziehen hätten lassen konnten. Da war etwas verknotet.
Darum musste der Urnenträger, afterly known as Urnenverbuddler die Urne öffnen und die Verknotung lösen. Dabei stellte er die Aschekapsel auf den Kopf. Das machte so ein rascheliges und knirschiges Geräusch. Und während ich noch sinnierte, ob das nun Zähne waren, die an der Kapselwand nagten, weil die Asche eigentlich lieber mit dem Wind verfliegen und dem Regen versickern wollte, war auch schon alles wieder verpackt, die Knoten gelöst und auf ging es in die Tiefe. Ich schätze, achtzig Zentimeter. Das ist nicht tief, aber es kommt ja auch keiner auf die Idee, Asche auszubuddeln. Was will das wildeste Tier mit Asche? Nichts.
Die Frage, die bleibt, kann ich nicht beantworten. Verbrennen die Zähne?
Das Wolkenköpfchen gab einige abstruse Vorstellung zum Besten, wie das mit den Zähnen ist, wenn man verbrannt wird. Sie hatte das Geräusch nämlich auch gehört und anscheinend sind die entstandenen Vorstellungen und Fragen genetisch bedingt.
Sie war der Meinung, sicherlich seien die Zähne erst gezogen und dann nach der Verbrennung zur Asche dazugegeben worden.
Das halte ich wiederum für ein Gerücht. Bevor ich das mitteilen konnte, war sie aber schon selbst darauf gekommen, dass es vermutlich Unfug sei, denn wer wolle einer Leiche schon im Mund rumkramen.

Die Rede. Ach, die Rede. Doch. Habe ich sehr schön gemacht, das mit der Rede. Und gesungen habe ich. Aber irgendwie ist es jetzt auch nicht besser. Selbst das Gedicht hat nicht geholfen.
Die Suche nach dem komischen Moment ist ergebnislos verlaufen. Ich habe wirklich nichts gefunden, was mich in irgendeiner Weise zum Lachen hätte bringen können.
Die Beerdigung war ja das Superdupersparmenü. Es wollte keiner Geld dafür locker machen. Also hatte ich für den Versenkungsschnickschnack alles weggestrichen. Blumen, Kerzen, Leiche waschen, alles gestrichen. Karo extrem einfach.
Trotzdem lagen Blumen am Grab. Ein Kranz. Und ich habe mich nicht getraut, zu lesen was darauf stand. Ich hatte nämlich den Verdacht, dass der Versenker die Blumen von einer anderen Beerdigung geklaut oder vielmehr recycelt hat. Ein Rosenherz, hier ein Sträußchen, da ein Sträußchen. Und in der Trauerhalle, die ich auch nicht gebucht hatte, die wir aber trotzdem nutzten, lief sogar Musik. Schlimme Musik. Fast wie in einem Fahrstuhl. Vielleicht hat er auch deshalb versucht, sich aus der Urne zu beißen, weil die Musik so scheiße war.

Eins ist mal sicher, er war jedenfalls bei seiner Beerdigung nicht dabei. In meinen esoterischen Momenten habe ich innerlich herumgefragt, ob er denn anwesend sei und irgendwelche Vorschläge zur Gestaltung der Feierlichkeiten anbringen wollte. Aber da war nur Schweigen im Walde. Möglicherweise habe ich aber auch wegen des Baulärms nichts gehört. Das Krematorium wird nämlich gerade umgebaut. Genauer wollte ich nicht fragen, was gemacht wird, denn meine Fantasie hatte so hübsche Antworten parat, die wollte ich mir nicht durch die schnöde Wirklichkeit zerstören lassen.
Er war also nicht da.

Zur eigenen Beerdigung kommt man nicht zu spät. Vermute ich. Es sei denn, auf den Transportwegen gibt es Stau.

Pietät. Ich weiß auch nicht recht, was das für eine Sache ist, die Pietät. Und hätte ich ihm für alle Fälle doch noch das ewige Leben wünschen sollen? Irgendwas mit Gott? Einen guten Start in die nächste Runde?
Diese üble Verwirrung, die ein Todesfall nach sich zieht, ist wirklich unangenehm. Ein Leben? Zwei? Unendliche? Karma? Wiedergeburt? Gott? Universum? Weltenseele? Weltall? Hölle? Himmel? Nichts?

Das geht so nicht. Sonst fliegt einem das Schädeldach weg und damit ist keinem geholfen.
Also, atmen und spazieren. Mit dem Hund durch den Wald. Und spüren, wie alles sich verändert und nichts bleibt stehen.

(Und in der Überschrift nehme ich Bezug auf die tausendeinhundertfünfundsiebzig Mal, die er mich beim Schiffe versenken befuddelt hat. So. Jetzt ist er selber Treffer, versenkt.)