Ich sitze auf einer Wiese. Um mich herum blühen leuchtende Blumen in den schönsten Sommerfarben. Ein sanfter warmer Lufthauch streicht über meine Arme und ich halte mein Gesicht in die Sonnenstrahlen, lasse meine Nase von ihnen kitzeln. Die Grillen zirpen und Vögel singen ein Lied. Mein Rücken leht am Stamm eines Baumes und ich höre das leise Rascheln der sattgrünen Blätter.
Es ist wundervoll. Es ist die vollkommene Entspannung. Ich bin für nichts verantwortlich, nichts berührt mich, ich bin mit mir, meinem Leben und der Wiese im Einklang. Ich lausche den Klängen des Sommers, spüre seine Kraft und lasse mich treiben. Denke an nichts.

Echt jetzt?

NEIN.
Ich stehe nach einem verheerenden Regenguss in einem komplett durchnässten Keller und frage mich, ob es noch geht. Tendenziell würde ich die Frage mit einem klaren Nein beantworten. Auf der hübschen Wiese, da geht es. Da geht es richtig gut. Da bin ich Mensch, da kann ich sein. Aber in diesem Keller, da möchte ich mir Fangzähne wachsen lassen und den Wettergott mal richtig in den Arsch beißen.
Eine Fontäne schoss gestern aus dem Abfluss, so etwas habe ich in einem Haus noch nicht erlebt. In Las Vegas vor einem Hotel, und auch nur in klar und sauber, würde ich das tolerieren können. Aber in meinem Keller, der unaufgeräumt und katastrophal ist, meiner ganz privaten Rumpelhölle, dort möchte ich keine Springbrunnen.
Erst recht nicht nachts um zwölfe, wenn andere Leute längst ihre müden Köpfchen auf weiche Kissen gebettet haben. Denn bis zum Knie in schmuddeliger Sülle zu stehen und hysterisch Wasser zu scheppen in der Hoffnung, den so gut wie sicheren Tod der Waschmaschine, des Trockners und der Heizung abzuwenden, das war nicht der Plan.

Aber wieder einmal zeigte sich meine erbarmungslose Nervenstärke.
„Ach, Wasser? Im Keller? Wirklich?“, fragte ich noch und schritt gemessenen Schrittes die Treppe hinunter und rein in die Fluten. Mit Handtüchern und einem Badezimmerbodendingsada der Marke Saugfähig verstopfte ich zumindest ein bisschen den Teil des Kellers, in dem Wasser im Normalfall abläuft anstatt hervorzusprudeln. Dabei gab ich knappe Kommandos an die fünf Jugendlichen, die auf meine militärische Art des Hilferufs auch sofort geeilt kamen. Mit Eimern und Waschbütten fing ich sogleich an, Wasser aus der Feuchtzone zu befördern. In einer Kette wurde dieses Wasser, das angereichert war mit Blättern und Sand und Steinchen und Schlamm (an dieser Stelle einen Dank an die Abflussrohre, in denen die Scheiße schwimmt, Ihr seid toll, Ihr seid belastbar, Ihr lauft nicht bei jedem Regen über! Schön, dass es Euch gibt und Ihr Euren Scheiß auch für Euch behaltet!), aus dem Haus gebracht. Was für eine Teamarbeit. Ich war begeistert. Drei leibliche Kinder, eine junge Cousine und ein Nachbarsbursche waren damit zu einem sinnvollen Tun zusammengeschweißt und sie schafften und schafften.
Das Wolkenköpfchen konnte leider nicht mit den Füßen in das Wasser, denn es befanden sich achtbeinige Leichen darin. Der Gedanke, eine Spinne, auch wenn sie ertrunken gewesen wäre, käme an ihre Beine, brachte sie kurz vor einen Heulkrampf. Sie hatte dafür die Aufgabe, den Gutfrisierten per Telefon sofort von seinem Herrenabend zurückzuzitieren, auf dass er seine geballte Manneskraft in den Dienst der Hausrettung zu stellen habe. Und anschließend musste sie Taschenlampen und Kerzen ranschaffen, da die Elektrizität sich verabschiedete und es „Ri-Ra-Runkel, im Hühnerarsch ist`s dunkel!“ wurde. Als sich einer der jungen Menschen am Sicherungskasten zu schaffen machen wollte, schrie ich herum, dass hier keiner an die Sicherungen gehe, der barfüßig bis zum Knie im Wasser stehen täte.
Das wurde verstanden und nach kurzem Überlegen und einem Hinweis auf die sehr gute Leitfähigkeit des Stromes durch Wasser auch dankbar angenommen.

Irgendwann ließ der Regenguss nach, der Abfluss rülpste und entschied sich, das Wasser wieder in der richtigen Richtung zu befördern.Was bleibt ist ein stinkender Keller, dafür aber sauber wie nie. Und eine Menge Dinge für den Sperrmüll.
Und meine gallopierenden Gedanken, die den abgesoffenen Rumpelkeller als eine Metapher für mein Leben sehen, lassen sich kaum zähmen.
In meinem Keller liegt der Pröll vieler Jahre, der ewig darauf wartet, einsortiert oder entsorgt zu werden. Jetzt ist es soweit. Und zwar nicht so larifari, hier mal was weg und da mal was weg, dafür aber immer die Tür aufreißen und neuen Krempel runterwerfen. Nein. Gnadenloses Entsorgen. Weg mit all den alten Stehrumchen, dem Plunder, dem Müll, der sich als Kannmannochgebrauchen tarnt.
Loslassen, gehen lassen. Das ist jetzt das Motto der Stunde. Den Keller leer machen und diese Leere lassen. Nicht wieder auffüllen mit allem Möglichen und Unmöglichen, nur um die Leere nicht zu spüren. Im Gegenteil, die Leere wahrnehmen und genießen. Auch noch die letzte Schublade aufmachen und hineinschauen, danach die Kommode entsorgen, mit allem, was darin ist, denn in den vergangenen zwei Jahren wurde das, was sich darin befindet, weder gebraucht noch vermisst. Weg damit.
Wie im Inneren. Den inneren Keller nach der Flut der vergangenen Wochen trockenlegen. Dinge rauswerfen. Leere zulassen. Und danach in die leeren Räume schauen und atmen. Ein. Aus. Ein. Aus. Immer weiter. In aller Ruhe. Den Sommer spüren. Die Blumewiese sehen. Den warmen Lufthauch.

Und den Sperrmüll bestellen. Den Mann für GasWasserScheiße anrufen. Den jungen Leuten ein dickes Lob aussprechen.
Dann weitermachen.