Jetzt saufe ich schon seit bestimmt achtzehn Stunden wie ein halbverdurstetes Kamel alles, was ich ins Glas kriege. Wasser, Tee, Milch, Limo, aber trotzdem hilft es nicht. Gestern Abend blieb mir spontan die Spucke weg und hat sich seitdem auch nicht mehr bei mir blicken lassen.

Warum?
Nun, die Spucke kann einem aus vielerlei Gründen einmal wegbleiben. Zum Beispiel kann sie entschwinden, wenn ganz ohne großes Bohei an einer Waldorfschule eine Grundsäule der Waldorfpädagogik quasi über Nacht entsorgt wird. Nun sei es getrommelt und gepriesen, dass wir dieser Institution, gerade pünktlich wie es scheint, drei Kinderchen entzogen haben. Sonst hätten wir mal sehen können, wie Waldorf ohne Epochenunterricht geht. Wer sich einmal und sei es auch nur sehr kurz mit der Waldorfpädagogik beschäftigt hat, reibt sich verwundert die Augen. Waldorfschule ohne Epochenunterricht? Ja, geht das denn? Wer weiß das schon so genau. Erst mal machen, dann darüber nachdenken.

Aber das ist nicht der Grund des Spuckeexodus. Nein.
Der ist in der Familie zu finden. Der Fürst hat für meine Xerostomie (was für ein wunderbares Wort, soviel eleganter als Mundtrockenheit) gesorgt. Mit nur einem Satz hat er es geschafft, dass meine Zunge am Gaumen klebt und sich nicht mehr lösen will, meine Speicheldrüsen vor Schreck alle Funktionen eingestellt haben und die Wüste Gobi vergleichsweise feucht erscheint.

Man stelle sich Folgendes vor:

Der Fürst kommt ermattet von seiner Arbeitsstelle, springt erst einmal unter die Dusche (wobei er das Bad in eine Seenlandschaft verwandelt, dazu an anderer Stelle mehr), kleidet sich in Feierabendkomfortwohlfühlkleidung und wirft sich stöhnend auf das Sofa. Dann daddelt er hingebungsvoll an seinem internetfähigen Smartphone herum und fragt gleichzeitig, obwohl das normalerweise ja nicht möglich ist, daddeln und sprechen oder gar antworten auf anderer Leute Fragen, wann denn das Essen fertig ist, er sei sehr hungrig.
Gleich, antwortet die fürsorgliche Mutter, die sich über den abgekämpften Knaben freut, weil er offensichtlich sein rumlungerndes Ich verabschieden musste, es dauere nur noch wenige Momente. Er könne schon einmal ein Schälchen Hundefutter aus dem Keller holen, dann ginge alles ein wenig schneller. Und der Tisch könne gedeckt werden.
„HÄ??? Isch hab Schmerzen! Isch hab gearbeitet! Isch geh nisch in Keller! Was soll das?“
„Es gibt schneller etwas zu essen, wenn wir das gemeinsam machen. Wenn man Arbeiten teilt, verringert sich das Zeitvolumen, welches die Tätigkeiten erfordern. Einfacher Dreisatz. Zwei Leute brauchen vier Stunden, vier Leute brauchen zwei Stunden.“, spricht die fürsorgliche und unendlich geduldige Mutter.
„HÄ? Was soll das? Isch hab gearbeitet. Verstehssu?“
„Ja, natürlich verstehe ich das. Ich habe heute auch einige Dinge getan und bin um diese Zeit etwas erschöpft. Wie ich bereits anmerkte, wir könnten schneller fertig sein, wenn du ein bisschen helfen würdest.“
„HÄ? Was soll das? Eh! Du bist doch eh nur zuhause, ich war arbeiten!“

Da war sie weg, die Spucke.
Und stattdessen schwirrte mir der Kopf über diesen kleinen, fiesen…, was habe ich denn da großgezogen? Ich bin nur zuhause? Ich bin NUR ZUHAUSE?
Bei der anschließenden hysterischen Brüllarie habe ich den letzten Rest an Feuchtigkeit aus meinen Mund befördert.
Und heute in der Früh fühlte ich mich immerzu noch angepisst von diesem kleinen Knallkopf. Und dachte darüber nach, was für ein verkorkstes Frauenbild ich hier abgeliefert habe.
Tausend Gedanken rannten durch meinen Schädel. Angefangen damit, dass ich eigentlich niemals nie und nimmer nicht Kinder haben wollte, dass ich nie hausfraulich sein wollte, dass ich die Challenge aber trotzdem angenommen habe, dass ich diese kleinen Zellhaufen über meine eigene berufliche Zukunft und auch über meine Altersvorsorge, die de facto nicht vorhanden ist, gestellt habe, deren Glück vor mein Glück und so weiter und so weiter, dieser ganze Altruistenscheiß.
Und dass ich mir dann so eine Kacke von so einem Bengel anhören kann und statt darauf abgeklärt, lässig, ironisch bis sarkastisch zu reagieren und mich über ihn lustig zu machen, als auch ihn ohne Essen ins Bett zu schicken, bin ich darauf angesprungen und habe mich gerechtfertigt und die Fassung verloren.
Was für eine Scheißescheißescheißenscheiße.

Wie gut, dass ich dann diesen Weg für mich gefunden habe.

Fluchweg

Verfxxxte Kxxke, ich lasse mich doch von so einem kleinen Wxxhxxr nicht aus der Fassung bringen! Am Axxxh kann der mich, kreuz und quer!
Elende Sxxbande, elende. Ich lasse sie alle verhungern und verdursten, jawoll!
Und nachts am Bahnhof verrecken! Miese Hosenpxxxxr, Koxxbrxxxxn.
Abgelullerte Schwxxxstrxxxxr.

Dieser Weg wird kein leichter sein, dieser Weg ist steinig und schwer. Aber so wunderbar entlastend. Wer nicht flucht zur rechten Zeit, wird schon sehen, was von ihm übrigbleibt.

Und das Ende vom Lied?
Man darf zum Sohn, auch wenn man es noch so sehr möchte, nicht „Verfxxxter Hxxxxsohn“ sagen. Damit schießt man sich ins eigene Knie. Außerdem käme das albern rüber, wenn der eigene Sohn dann brüllen täte: „Eeeeeh, was sagst du für mein Mutta? HÄ? Du beleidigst mein Mutta! Pass auf, eeeeh, sonst sag isch was für dein Mutta!“
Hallo? Lass die Omma aus dem Spiel.
Die hat immer gearbeitet!