Das große Gebäude hatte einen Expressaufzug, der die mittelalte Frau in dem Wintermantel direkt ganz hinauf in das oberste Stockwerk beförderte.
Am Empfang hatte man sie gefragt, wohin sie wollte und sie zeigte ihren Terminzettel vor, den sie vor drei Wochen per Post zugestellt bekam. Der Pförtner schaute sich den Zettel ganz genau an, denn es kam häufiger vor, dass sich jemand ohne einen Einladung in das obere Stockwerk schleichen wollte. Wer war nicht schon alles vor dem Aufzug vom Sicherheitsdienst eingesammelt und aus dem Gebäude begleitet worden. Selbst die Mächtigen dieser Welt hatten es schon versucht.
Nun stand also die Frau im Aufzug und spürte dieses typische Kribbeln im Bauch, das sich in Expressaufzügen immer einstellt. Es fühlt sich an, als würde das Innere auf und ab hüpfen und nicht mehr richtig mit dem restlichen Körper verbunden sein.
Es dauerte nur eine knappe Minute und sie war ganz oben angekommen.

Der Aufzug öffnete sich und die Frau stand in einem hell strahlenden Flur. Die Wände waren in einem makellosen Weiß gehalten, auch der Boden war weiß, so dass man die Ecken fast nicht sehen konnte. Am Ende des Flures, in fünfzig Metern Entfernung, befand sich eine zweiflügelige Tür, auf der ein großes Messingschild angebracht war. Darauf stand

Universum Unlimited GmbH und Co. KG
Vorstand

Die Frau ging langsam auf die Türe zu, spürte bei jedem Schritt ihre Schuhe an den Füßen, diese grünen, etwas ausgetretenen Winterschuhe, die an den Seiten der Sohle kleine Dreckklümpchen vom Morgenspaziergang im Wald hatten. Als sie sich umschaute sah sie, dass sie einige dieser Klümpchen unterwegs verloren hatte. Mit einem Taschentuch huschte sie zurück zum Aufzug, zog sich die Schuhe aus, schob mit den rosafarbenen Wollsocken den auffällig dunklen Schmutz auf dem weißen Boden zusammen und versuchte, mit dem Taschentuch alles aufzusammeln.
Da ging die Türe auf und eine Frauenstimme rief: „Frau Lavendel, bitte kommen Sie doch herein.“
Frau Lavendel ließ vor Schreck das Taschentuch und ihre Schuhe fallen, woraufhin sich ein wahrer Dreckregen auf diesen blanken Boden ergoss. Aller Dreck löste sich von den Sohlen der Schuhe und verteilte sich großzügig und großflächig.
„Jahaaa, ich komme schon…!“, quietschte sie mit einer Stimme, die so gar nicht nach ihrer eigenen klang. Sie sah noch einmal kurz auf die Bescherung, dann schnappte sie sich ihre Schuhe, das Taschentuch und eilte zur Tür. Sollte sich doch irgendjemand anderes um den Boden kümmern. Sie war schließlich aus Gründen hier. Aus wichtigen Gründen. Und sie wollte ihren Termin nicht verkürzen, nur weil sie Waldmatsch vom weißen Boden sammelte.

An der Tür angekommen, schaute sie vorsichtig in den Raum hinein. Auch hier herrschte das strahlendste Weiß, das sie je gesehen hatte. Die Wände, der Boden, dazu eine riesige Glasfront, durch die man hinunter auf die Stadt sehen konnte, und mitten im Raum ein großer, gläserner Schreibtisch, an dem eine junge Dame saß und sie anschaute.
Die Dame war wunderhübsch. Sie trug ein reizendes lindgrünes Kostüm, hatte ihr dunkelblondes Haar zu einem hübschen Knoten hochgesteckt und brachte damit ihr zartes, ovales Gesicht ausgesprochen gut zur Geltung.
Vor sich hatte sie einen Computer, auf dessen Tastatur ihre zarten, feingliedrigen Finger herumtanzten, ohne dass sie hinsah.

„Fau Lavendel?“ sagte sie mit fragendem Blick.
„Äh, ja…“, antwortete Frau Lavendel und fand ihre Stimme immer noch unerhört kreischend. Vielleicht hing das auch damit zusammen, dass dieser Vorzimmerengel so eine sanfte und ruhige Stimme hatte, die einem wie Honig ins Ohr floss.
„Nehmen Sie doch bitte noch einen Moment Platz.“, wurde sie aufgefordert. Sie sah sich suchend um und erblickte eine weiße Ledercouch, die sich am anderen Ende des Raumes befand und so mit dem Weiß des Raumes verschmolz, dass sie fast unsichtbar wurde. Frau Lavendel ging mit unsicherem sockigem Schritt auf die Couch zu und ließ sich langsam und vorsichtig auf der vorderen Kante der Sitzfläche nieder.
„Machen Sie es sich ruhig bequem.“, sagte der Engel und Frau Lavendel rutschte, als wäre das ein Befehl, ein bisschen tiefer in das Polster, wobei das Leder bei der Reibung mit ihrem Polyestermantel ein seltsames Geräusch machte, das entfernt an den entweichenden Darmwind einer Milchkuh erinnerte. Frau Lavendel bemerkte, wie ihr Gesicht eine Rotfärbung annahm, die einen harten Kontrast zu all dem Weiß abgab. Es schien, als würde ihr Kopf so stark leuchten, dass das weiße Sofa im Widerschein ein zartes Rosa annahm.

Frau Lavendel bewegte sich keinen weiteren Milimeter mehr. Wie erstarrt saß sie, die Schuhe in der einen Hand, in der anderen das Taschentuch, hocherrötet auf der Couch und wartete. Alle ihre Muskeln schienen ihr nahezu zum Zerreißen gespannt und sie versuchte, mit einer kleinen Yogaatemübung etwas Ruhe in ihren Körper zu bringen. Schnell hörte sie jedoch damit wieder auf, da die engelsgleiche Sekretärin den Kopf hob und zu ihr herüberschaute. „Ist etwas nicht in Ordung, Frau Lavendel?“, fragte sie mit einem kaum merklichen Stirnrunzeln.
„Äh, ja, äh, nein, ich meine, ähm, ich ähm, nein, es ist alles gut, danke.“, stammelte Frau Lavendel.
„Darf ich Ihnen vielleicht etwas zu trinken anbieten?“, fragte die Sekretärin.
„Um Gottes Willen, nein!!“, entfuhr es Frau Lavendel aus tiefstem Herzen. Die Sekretärin schaute sie mit einem leisen Tadel in den Augen an.
„Also, äh, nein, vielen Dank, das ist sehr nett, aber nicht nötig, wirklich. Sehr nett, trotzdem, nein, vielen Dank, wirklich nicht!“
Allein die Vorstellung, jetzt noch eine Tasse Kaffee in der Hand halten zu müssen, oder ein Wasser, oder einen Tee, oder einen Orangensaft, führte zu einem spontanen Schweißausbruch. Mit absoluter Sicherheit würde sie kleckern, das Sofa ruinieren und den Boden gleich mit.

Die Zeit schien sich zu dehnen. Frau Lavendel hatte keine Uhr dabei, das Handy steckte in ihrer Hosentasche und sie wollte sich auf gar keinen Fall mehr bewegen, als unbedingt nötig und an den Wänden hing ebenfalls keine Uhr, die ihr hätte sagen können, wieviel Zeit vergangen war, seit sie sich auf das Ledersofa setzte.
Es schien ihr fast eine Ewigkeit vergangen zu sein, als der Schreibtischengel plötzlich aufschaute, sanft in Frau Lavendels Gesicht sah und mit ihrer Honigstimme sagte:
„Frau Lavendel, Sie können jetzt hineingehen.“

Ohne sich mit den Händen hochdrücken zu können, weil diese immer noch mit Schuhen und Taschentuch gefüllt waren, kämpfte Frau Lavendel sich aus der Sitzlandschaft und rutschte in Richtung des Schreibtischs. Davor blieb sie stehen und schaute die Sekretärin fragend an.
Diese blickte zurück. „Ja?“
„Wo muss ich denn jetzt hin?“
Die Sekretärin zeigt mit ihrem perfekt gepflegten Zeigefinger auf eine Wand. Und als Frau Lavendel mit den Augen der Richtung folgte, erkannte sie im Weiß der Wand eine kaum zu bemerkende Farbänderung. Im Weiß verbarg sich eine weitere Tür, kaum zu sehen. Und jetzt öffnete sie sich vollkommen geräuschlos. Frau Lavendel ging langsam auf die Türe zu und schritt hindurch. Nun befand sie sich in einem kleinen Zwischenflur, an dessen anderem Ende eine weitere Tür war, die sich in der gleichen Geschwindigkeit öffnete, wie sich die erste Tür verschloss.

Frau Lavendel ging durch die zweite Tür und fand sich in einem noch größeren Raum als dem Büro mit der Sekretärin wieder. Es war nicht ganz so weiß in diesem Raum, eher cremefarben. Es strahlte nicht so heftig. Und an den Wänden hingen einige Fotos. Wie es schien, waren es Urlaubfotos, nur die Urlaubsorte kamen Frau Lavendel irgendwie merkwürdig vor.
Nun, sie hatte keine Zeit, sich darüber Gedanken zumachen, sie atmete einmal tief durch und ging gemessenes Schrittes auf den Schreibtisch zu, auf dessen anderer Seite ein großer rosafarbener Bürosessel mit dem Rücken zu ihr gedreht stand. Auf dem großen Schreibtisch stand ein kleines Namensschild, auf dem

Herr Professor Doktor Hildefons Gott-Stein
Vorstandvorsitzender

stand. Frau Lavendel blieb vor dem Schreibtisch stehen und räusperte sich. Der Stuhl drehte sich langsam herum und eröffnete den Blick auf den Vorsitzenden. Ein kleines Männlein mit einer krummen Nase, einem zotteligen Bart und von Müdigkeit zeugenden Schatten unter den Augen. Das Seltsame an ihm war der Jogginganzug, der ihm offensichtlich zwei Nummern zu groß war und das in ein amerikanisches Seniorenlila gefärbte Haar.
Er schnüffelte viermal, rieb sich mit seinen kleinen Händchen das Gesicht, reckte sich, streckte sich und fragte: „Was kann ich für Sie tun, junge Frau?“

„Also, das ist so,“, sagte Frau Lavendel, nachdem sich ihre erste Überraschung gelegt hatte. „Ich wollte mich beschweren.“
„Aha.“, sagte Prof. Dr. Hildefons Gott-Stein nur mit mäßigem Interesse.
„Nun, ich glaube, über mein Leben…“
„Sie glauben?“, fragte er.
„Nein, ich weiß es. Ich wollte mich über mein Leben beschweren. Ja.“
„Und was ist bitteschön so schrecklich an ihrem Leben?“
„Es ist scheiße. Oh, ich meinte, also, es ist nicht so erfreulich.“
„Junge Frau, was habe ich damit zu schaffen?“
„Ich dachte, Sie sind da zuständig! Ich dachte, wenn man sich über sein Leben beschweren möchte, dann soll man sich an Sie wenden.“
„Ach wirklich. Und wer hat das behauptet?“
„Nun, das ist doch allgemein bekannt. Nicht? Oder?“
„Na, dann schießen Sie mal los. Was ist denn so schlimm mit ihrem Leben?“

„Also, ich finde meine Startbedingungen waren schon nicht optimal. Meine Eltern waren viel zu jung. Und darum haben sie lieber Partys gefeiert, anstatt mit ihrem Kind zu spielen.“
„Hmmmm, bedauerlich.“ brummelte Hildefons.
„Aber das war ja noch nicht alles. Meine Mutter hatte mich einmal auf dem Weg zum Kindergarten geschubbst und ich bin in Hundekacke gestolpert, die dann an meinem Schuh klebte. Im Kindergarten musste ich dann den Boden wischen, weil ich mit den Schuhen reingegangen bin.“
„Der Staubsauger steht hier übrigens direkt neben dem Fahrstuhl, nur damit Sie bescheid wissen, bevor Sie gehen, wird der Walddreck noch eben weggesaugt.“
„Hä?“
„Alte Weisheit: Was Du dreckig machst, machst Du auch wieder sauber. Einfache Geschichte.“
„Nicht im Ernst.“
„Doch. So. Weiter jetzt.“
„Meine Eltern tranken zu viel….“
„Ohh nein, nicht schon wieder!“, unterbrach sie das kleine Männlein.
„Nicht schon wieder so ein stundenlanges Gemecker über versoffene Eltern, ganze Generationen Probleme, vertane Chancen, Trauriges hier und Trauriges da. Ich kann es einfach nicht mehr hören, wirklich. Das raubt mir echt den letzten Nerv.“
„Warum sind Sie denn so unfreundlich zu mir? Ich dachte, ich könnte hier einmal darüber reden, dass mein Leben wirklich schwer war und ist und ich dringend einmal eine Pause von all den Dramen bräuchte. Dass ich es mir verdient habe, etwas Ruhe erleben zu dürfen. Dass alles glatt läuft. Nach Plan eben. Und jetzt meckern Sie mich genauso blöd von der Seite an wie meine Kinder und meine Eltern!“
„Blablabla, ehrlich, hören Sie sich doch einmal selber zu. Da bekommen Sie ein Leben, das vor Abwechslung nur so strotzt. Ein Leben, das Ihnen wirklich etwas abverlangt. Es fordert Sie, Ihren Kopf, Ihre Gefühle. Es will etwas wissen von Ihnen, dieses Leben. Und da kommen Sie her und beschweren sich darüber. Unfassbar. Statt dass Sie sich kopfüber hineinstürzen und darin schwimmen, Kraulen, Brust, Delfin und Rücken, eine Bahn nach der anderen, alles ausprobieren dürfen, eine Meisterin des Lebens werden, kommen Sie daher und mosern rum. Eigentlich ist das eine Frechheit. Andere Leute würden viel darum geben, auch nur die Hälfte dieser Aufgaben und Herausforderungen bewältigen zu dürfen. Schauen Sie sich doch diese Witzbolde an, die auf hohe Berge kraxeln müssen, weil ihnen das Leben nicht genug an Herausforderung bietet. Bedauerlich, einfach nur bedauerlich. Sie dagegen bekommen diese wunderbare Gelegenheit, eine alles von Ihnen fordernde Aufgabe zu bewältigen und dann quasi noch frei Haus.“
Frau Lavendel merkte, wie ihr linkes Auge anfing zu zucken. Erst nur ein bisschen, dann immer ausgeprägter.
„Und was „, hob sie an, „soll ich davon halten, dass sich gesundheitlich die Dinge eher mies bis bescheiden entwickeln? Soll ich da auch vor Freude herumhüpfen und das ganz toll finden? Oder darf ich doch anmerken, dass es ungerecht verteilt ist mit der Gesundheit? Meine Mutter hat die Konstitution eines Pferdes und ich…!“
„Ja und?“, blaffte der Herr Professor Doktor. „Wen kümmerts? Ich kann auch gern einmal einen Virus vorbeisch…“

Das Telefon auf dem Schreibtisch des Männleins klingelte. Schnaubend hob er den Hörer ab.
„Ja? Was? Nein. Nein, natürlich nicht. Ja. Jahaaa. Gleich.“
Er legte den Hörer mit einem Knall zurück auf die Ladestation und rieb sich noch einmal mit den kleinen Händchen das Gesicht. Dann atmete er tief ein und holte aus einer Schreibtischschublade eine Dose Bonbons. Er nahm sich selbst ein Bonbon heraus, stopfte es schnell in den Mund und reichte dann die Dose an Frau Lavendel hinüber. Die nahm erstaunt ein lila und rosa kariertes Bonbon heraus und schob es gleich in den Mund.
Schon breitete sich ein wohliger Geschmack in ihr aus. Nicht nur in ihrem Mund, in ihrem Kopf, nein, in ihrem ganzen Körper wurde es warm, weich und angenehm.

„So, Frollein!“, sagte der Professor Doktor. „Jetzt lutschen Sie mal diesen Drops und dann gehen Sie nach Hause. Und wenn Sie das nächste Mal über etwas meckern wollen, dann kaufen Sie sich lieber eine Tüte Bonbons und legen sich auf die Couch. Alles andere ist doch Quatsch.“
Dann machte er eine scheuchende Handbewegung und Frau Lavendel packte eilig ihre Schuhe, ihr Taschentuch und schnappte sich noch schnell ein grün und gelb gestreiftes Bonbon.
Mit wattigem Kopfgefühl verließ sie das Büro, nuschelte dem Vorzimmerengel etwas Unverständliches entgegen, wankte durch den Flur zum Aufzug und übersah und vergaß die Dreckbröckchen, die sie auf dem weißen Boden hinterlassen hatte.
Der Expressaufzug brachte sie mit einem Gefühl von freiem Fall zurück in das Erdgeschoss.
Dort richtete Frau Lavendel ihren Jackenkragen, zog ihre Schuhe an und verließ das Etablissement Hand in Hand mit einem ordentlichen Rauschzustand.