Klassenfahrten sind bei Jung und Alt beliebt.
Bei Alt ist es beliebt, darüber zu sprechen, wie damals der Dieter mit dem Hartmut im Bayerischen Wald auf die Fichte geklettert ist, weil sie der Sabine die herrlichen Tannenzapfen aus dem Wipfel schenken wollten.
Oder wie Peter und Jörg sich heimlich drei Falschen Bier gekauft haben und ihnen vor der Jugendherberge die Tüte aus der Hand gefallen ist. Dann haben sie kleine Löcher in die Tüte gebohrt und versucht, das Bier ohne Flaschenscherben herauszulutschen.

Claudia und Natalie haben nachts ein ganzes Zimmer tyrannisiert, weil sie einen Radfahrer ohne Kopf durch das Fenster sehen konnten und anschließend in einem hysterischen Anfall in ihren Betten schluchzten.

Jung kam heute von einer Klassenfahrt wieder und erzählte vom bunten Treiben, welches über alle Zeiten und Schulformen hinweg so eine Fahrt begleitet.
Killerdog war im Hunsrück. Ich mag den Hunsrück, spätestens seit Edgar Reitz damals die Geschichte der Maria aus Schabbach erzählte. Es war dort so hübsch. Landschaftlich. Menschlich ging das so, aber die Landschaft war gut.
Killerdog fand es im Hunsrück auch hübsch. Und wie es seine Art ist, erzählte er mir minutiös, was er alles erlebte. Um sieben Uhr in der Früh musste er aufstehen. Und wenn er duschen wollte, dann schon um sechs. Nach dem Aufstehen gab es Frühstück, dann ging es raus auf die Felder, die Vermessen wurden. Interessierten Ureinwohnern wurde mitgeteilt, man vermesse die Felder, weil man eine Filiale eines Schnellrestaurants dort aufbauen wolle. Dies traf auf breite Unterstützung. Die Tags darauf gelieferte Erklärung, dort sollten Windräder gebaut werden, fand keine Freunde.
Letztlich wurde aber vermessen um des Vermessens willen. Nicht mehr, nicht weniger.

Mittags gab es dann Mittagessen, danach wurde noch gerechnet, abends gab es Abendessen, danach wurde weiter gerechnet, so verging Tag für Tag.

Auf meine Frage, wann denn Schlafenszeit gewesen sei, meinte mein wilder Killerdog:

„Um elf mussten wir von den Mädchen runter.“

Oha. Weil ich Killerdog seit vielen Jahren kenne, auch seine begnadeten Fähigkeiten als Verredner, war mir klar, was er meinte. Runter von den Zimmern. Raus, weg, in die eigenen Zimmer.
Ich ließ es mir nicht nehmen, mich ihm zuzuwenden, zu grinsen, wie ein Honigkuchenpferd auf Droge, und zu fragen: „Wie bitte? Was? Was habt ihr denn da gemacht?“

Es hatte Ähnlichkeit mit der Explosion einer sehr großen Einheit Sprengstoff. Vielleicht war es aber auch die personifizierte rote Sonne, die bei Capri im Meer versinkt. Das Auto, in dem wir uns während des Gesprächs befanden, leuchtete in einem herrlich warmen rot-orange und der Sirenenton, der durch die geschlossenen Türen und Fenster drang, ließ die Worte: „MENSCH, MAMAAAAAAAA!“ deutlich erlauschen.

Das Gute an Alt ist, dass man nicht mehr so heftig errötet wie als Jung. Wenn Jung errötet, leuchtet es in solch wunderhübschen Farben, so herrlich, es lässt sich kaum beschreiben. Und Alt ist glücklich, diesen Farbton mit der Gesichtshaut nur noch dann zu treffen, wenn es bei heißem Wetter das Bad schrubbt.
Und dass Alt es genießen darf, wenn Jung errötet. Und hin und wieder einmal, entgegen aller pädagogischer Ein- und Weitsicht noch ein kleines bisschen in der Röte und Verlegenheit herumzubohren, indem man noch eine kleine Frage hinterherwirft.
„Von welchem Mädchen musstest du denn runter?“

Aber man muss aufpassen. Sonst wird selbst ein Killerdog ärgerlich, dann klingt die rote Farbe ab und übrig bleibt beleidigtes Schweigen. Das will man nicht. Darum muss man wissen, wann man aufhört. Alt wird es sicher noch lernen, bis es Uralt ist.