Es ist sehr angenehm, wenn man nicht derjenige ist, der am Wochenende mit einem verletzten Kind in der Ambulanz rumschimmelt. Wie gut, wenn ein Gutfrisierter sich des Problems einer merkwürdigen Daumenfehlstellung annimmt.
Und wie erfrischend, wenn so eine Prozedur nur zwei Stunden dauert, inklusive Fahrzeit, weil der Gutfrisierte einfach seinen Arbeitsplatz dafür aufsucht und mit seiner Chipkarte alle Türen selber aufmachen kann.

Alleweile hockt die Mutter besorgt in ihrer Küche, denkt an Killerdog und hofft darauf, dass es nichts Ernstes ist. Denn die mütterliche Erfahrung in diesem Haus ist ja, dass die Worst-Case-Szenarien, die man sich vorstellt, nicht annähernd so schlimm sein können wie die Realität. Schlimmer geht immer, das könnte als Motto über der Haustür stehen.
Wegen dieser Schwarzmalerei und um der drohenden Depression zu entgehen, habe ich einfach Pizza gebacken. Ich konzentrierte mich auf solche erhebenden Tätigkeiten wie Zwiebeln schälen und schneiden, Tomaten zerkleinern, Knoblauch pressen und Pizzateig aus der Verpackung schälen und auf ein Blech aufbringen.

Ha, höre ich den Aufschrei, doch nicht etwa Fertigteig? Oh doch, Fertigteig. Jajajaaa, Pizzateig selber machen, das ist doch keine Arbeit, das geht doch so schnell, einfach und schmeckt viel besser. Das ist mir aber scheißegal. Es gibt Tage, da bin ich schon fast mit dem Aufschneiden der Plastikhülle um den kühlen Fertigfrischeteig in XXL überfordert.
Vor allem, wenn ich denke, dass Killerdog vermutlich den Rest sein Lebens mit nur einer Hand verbringen muss. Was letztlich nur meine angeschlagenen, hysterischen Gedanken waren und nicht die Realität. Aber ich hätte keineswegs mit meinen Händen Teig kneten wollen, während mein Kind, mein Sohn, mein Herzensbursche schwerstverletzt an der Hand nie wieder Teig kneten hätte können werden worden.

Doch, ich habe im Moment eindeutig einen Hang zu Dramatischen. Ja. Das hängt mit vielerlei zusammen. Und dass mein Bubchen, mein Kleiner, mein Zuckerbengel doch nur eine Prellung sein eigen nennt und die Hand dranbleiben kann, das ist wundervoll und undramatisch.
Trotzdem bleibe ich dem Drama intensiv verhaftet und lebe es auch aus. Hier. Und in meinem Kopf. Aber wenn mich in der Realität jemand fragt, wie es läuft, dann bin ich cool und lässig und tue so, als wäre ich der Fels in der Brandung. Das kann ich. Ich wahre die Contenance. Das habe ich gelernt.

Nur vor kurzem, da habe ich die Contenance nahezu vollständig verloren.
Das war in einem Laden, einem Geschäft. Da war es sehr laut. Ich vermute, es ist ein Geschäft für sehr junge Leute. Es lief ohrenbetäubende Musik, so dass ich versucht war, die Jungs aus dem Einzelhandel zu fragen, ob sie Schmerzensgeld bekommen, statt eines Gehalts.
Es arbeiteten dort auch nur Kerle. Junge Männer. Mit Käppis. Schnippes heißt der Laden, oder so ähnlich. Es scheint mir wirklich ein Jungsladen zu sein. Ich bin nur zufällig mit Killerdog dort hineingeraten, der musste etwas umtauschen. Und während das Umtauschding getätigt wurde, hatte ich Zeit zu harten Rap- und Hiphopklängen die Auslage zu bewundern.

Die Contenance verlor ich an der Stelle, an welcher ich das Weihnachtsgeschenk für den Fürsten entdeckte.

Geiler Fummel

Und sogar ein Sonderangebot. OHMEINGOTT!!

Erst wollte ich schwarz nehmen, aber Leopardenprint ist doch hübscher, oder?
Anfangs kicherte ich nur. Dann rollte die Welle langsam los und Killerdog forderte mich auf, das Geschäft umgehend zu verlassen, wenn ich nicht sofort mit dem gröhlenden Gelächter aufhören würde. Aber ich konnte mich ganz schlecht beruhigen. Ich habe halt wirklich dieses Drama in den Adern.
Weitab von der Möglichkeit, mich beruhigen zu können, nahm ich auch Abstand davon, mich am Boden zu wälzen.
Ich gackerte einfach den Rest des Tages vor mich hin, jedesmal, wenn ich auch nur im Entferntesten an diese fesche Buxe dachte.

Der Fürst im Höschen unterm Weihnachtsbaum.
Drama, Baby, Drama.